Montag , 5. Dezember 2022
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Andreas Schäfer versucht in seinem Buch, sich ein abschließendes Bild von seinem Vater zu machen. (Foto: be)

“Die Schuhe meines Vaters”: Lesung von Andreas Schäfer im Heine-Haus

Bestseller-Autor Andreas Schäfer stellte im Lüneburger Heinrich-Heine-Haus sein neues Buch vor. Auch darin geht es um die Nazizeit, aber vor allem um seinen Vater. Und der hatte in seinem Leben so einiges zu bewältigen.

Lüneburg. Mit „Das Gartenzimmer“ schrieb Andreas Schäfer, von Haus aus Journalist, sich in die Bestsellerlisten. Auch sein neues Buch beschäftigt sich mit der Nazizeit. In „Die Schuhe meines Vaters“ blickt der Autor auf sehr persönliche Weise zurück auf ein alles andere als einfaches Leben. „Es geht darum, sich dem eigenen Vater schreibend nach seinem Tod anzunähern“, sagt der Autor.

Der Vater war ein schwieriger Mensch, jähzornig, leicht gekränkt und manchmal rücksichtslos zu anderen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war von daher über Jahre hinweg kompliziert, bis es sich im Angesicht der Krebserkrankung des Vaters stabilisierte.

Tiefe Verletzung niemals überwunden

Schon in der Kindheit musste der Vater des Autors einige Schicksalsschläge hinnehmen. Robert Schäfer, Jahrgang 1933, wurde im zarten Alter von drei Jahren von der Familie getrennt, um bei einer kinderlosen Tante am Bodensee aufzuwachsen. Die tiefe Verletzung, die diese frühe Trennung ihm zufügte, überwand er niemals ganz.

Ein paar Jahre später wird Robert Schäfer Zeuge des Bombenkrieges in Berlin, auch das prägt sein damals noch junges Leben. Als er schließlich von den Eltern enterbt wird, weil er eine Ausländerin heiratet, fügt ihm das emotional eine weitere Wunde zu. Danach gelang es Robert Schäfer nicht mehr, sich vollständig von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.

Andreas Schäfer versucht sich Bild seines Vaters zu machen

In „die Schuhe meines Vaters“ versucht sein Sohn, sich ein abschließendes Bild von dem Mann zu machen, dessen aufbrausende Art für manche Verletzung bei seinen nahen Angehörigen sorgte.

„Er stand häufig etwas am Rand des Familiengeschehens“, sagt Schäfer. Das gestörte Gleichgewicht, um dessen innere Balance sein Vater ringen musste, beobachtet Schäfer bei vielen Angehörigen der Kriegsgeneration.

Ist das Buch ein Essay oder doch ein Sachbuch?

Im Buch prägen Rückblicke die Erzählung. Das Werk, so merkt Moderatorin Svenja Frank vom Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Leuphana an, wird vom Verlag nicht als Roman bezeichnet. Ist es ein Essay oder doch ein Sachbuch? „Fiktionale Elemente sind im Buch enthalten, aber es gibt auch jede Menge Fakten, die die Geschichte prägen“, sagt der Autor.

Viele Facetten und viele Versionen ein und desselben Charakters existieren auch nach seinem Tod, schließlich gibt es nicht nur eine einzige Wahrheit über einen Menschen. „Ich habe das Buch auch meinem Bruder gegeben. Er hat das eine oder andere im Leben unseres Vaters teilweise anders empfunden“, sagt Schäfer.

Schreibender Rückblick auf ein Leben

Was bleibt, ist eine Erinnerungsarbeit, manchmal schmerzhaft, manchmal erhellend. Wie gelingt es, von einem nahestehenden Menschen angemessen Abschied zu nehmen? Die Trauer als Wegbegleiter ist Bestandteil menschlicher Existenz. Schäfer zeigt auf sprachlich hohem Niveau, wie ein schreibender Rückblick auf ein Leben aussehen kann.

Von Elke Schneefuß

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