Dienstag , 6. Dezember 2022
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Schulterlang mit Pony: Das wünscht sich Kerstin Löper (m.) von Frisör Hendrik Menges. In der "Vesperkirche" in St. Michaelis gibt es neben Gesprächen und einer Mahlzeit den Haarschnitt kostenlos. (Foto: phs)
Schulterlang mit Pony: Das wünscht sich Kerstin Löper (m.) von Frisör Hendrik Menges. (Foto: phs)

Warum der Haarschnitt in der Vesperkirche kostenlos ist

Klönen, essen, Haare schneiden: Menschen, die sich vielleicht nie begegnet wären, kommen in der "Vesperkirche" in St. Michaelis zusammen. Einen Haarschnitt, ein Tattoo, eine Yogastunde sowie Kunst- und Mitmachaktionen gibt's kostenlos dazu. Am Freitag haben Besucher die letzte Chance, vorbeizuschauen.

Lüneburg. Für Kerstin Löper ist es der erste Haarschnitt seit drei Jahren. Die blonden Haare mit grauen Strähnchen reichen ihr bis zur Brust, als sie sich auf den Stuhl vor Friseur Hendrik Menges setzt und in den Spiegel blickt. Im Pfarrhaus von St. Michaelis ist der Haarschnitt heute kostenlos. Denn es ist "Vesperkirche", eine Aktionswoche mit Eventcharakter für alle, die Freude an Begegnungen haben. Menschen, die auf der Straße vielleicht nie ins Gespräch gekommen wären, finden an vier Tagen in der St. Michaeliskirche zusammen, um miteinander zu reden und zu essen. Und sich etwas Gutes zu tun.

30 Euro würden für den Wocheneinkauf reichen

Löper streicht sich die Haare aus dem Gesicht. "Es ist ja alles teurer geworden", sagt die 49-Jährige. „Und von den 30 Euro, die ich beim Friseur bezahlen müsste, kann ich Lebensmittel für eine Woche kaufen.“ Den Flyer zur Veranstaltung hat sie bei der Tafel entdeckt. Dort holt Löper einmal pro Woche eine große Tüte Lebensmittel ab. Seit sie nicht mehr arbeiten kann, ist das Geld oft knapp.

Menschen, denen es finanziell gut geht, seien zum Teil verunsichert, ob sie die kostenlosen Angebote nutzen dürfen, sagt Michael Elsner, Vorstand des Lebensraum Diakonie e.V. und einer der Organisatoren. "Doch die Vesperkirche ist kein Versorgungsangebot für arme Menschen. Sie ist offen für alle, egal welchen Status, welchen Glaubens, welcher Nationalität.“

In Norddeutschland ist das Konzept, das vor mehr als 25 Jahren in Stuttgart entstanden ist, noch weitgehend unbekannt. Elsner hat es im vergangenen Jahr erstmals in die Hansestadt gebracht und mit dem Verein Lebensraum Diakonie, der Kirchengemeinde St. Michaelis, dem evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Lüneburg und der katholischen St. Marien Gemeinde umgesetzt. Eine "Vesper" bezeichnet in Süddeutschland eine Brotzeit, oft die letzte Mahlzeit am Tag. Daher steht bei der Vesperkirche Lüneburg das gemeinsame Essen im Mittelpunkt.

"Es ist schön, mal bekocht zu werden"

Vor dem Altar sind Tische und Stühle aufgebaut. Ehrenamtliche servieren am Mittwochabend Grünkohl – ebenfalls kostenlos. Auch Kerstin Löper hat nach dem Friseurbesuch noch Appetit. "Es ist schön, mal bekocht zu werden. Das habe ich selten", sagt Löper.

An einem anderen Tisch sitzt Hans-Peter Ment. Vor vier Wochen hat der 83-Jährige seine Frau verloren. In der Vesperkirche ist er, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. "Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf", sagt er. Deshalb habe er sich mit seinem Teller zu Eckard Krause und seiner Frau gesetzt. Die beiden sind seit 16 Jahren Mitglied der Gemeinde und kamen sofort mit Ment ins Gespräch. "Ich finde die Veranstaltung großartig", sagt Krause. Und Ment sagt: "Um den Trauerfall zu verarbeiten, muss ich sprechen. Das habe ich früher zu wenig gemacht."

Hans-Peter Ment (l.) hat vor vier Wochen seine Frau verloren. Mit Eckard Krause kann er in der "Vesperkirche" darüber sprechen. (Foto: phs)
Hans-Peter Ment (l.) hat vor vier Wochen seine Frau verloren. Mit Eckard Krause kann er in der "Vesperkirche" darüber sprechen. (Foto: phs)

Malerei, Yoga und Tattoos

Organisator Michael Elsner ist mehr als zufrieden mit der zweiten Auflage der "Vesperkirche". Während im vergangenen Jahr etwa 150 Personen am Tag kamen, hat sich die Anzahl in diesem Jahr fast verdoppelt. "Ich habe viele neue Gesichter gesehen. Es trauen sich auch immer mehr Menschen aus sozial benachteiligten Gruppen hierher. Das freut mich sehr", sagt Elsner.

Am Freitag haben Besucher ab 16 Uhr zum letzten Mal in diesem Jahr die Chance, an den vielen "Vesperaktionen" teilzunehmen. Bei Malerei, Yoga, Fotografie, Holzarbeiten und Kunst aus Marzipan von Bäckermeister Kurt Braun ist für jeden etwas dabei. Sogar Tattoos werden in der Kirche kostenlos gestochen.

Im Anschluss um 18 Uhr findet die ebenfalls kostenlose Vesper-Mahlzeit statt, ab 19.15 Uhr gehört die Bühne der Musik.

"Die Atmosphäre ist unglaublich friedlich", schwärmt Michael Elsner. "Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, zusammenzuhalten. Hier werden Vorurteile in Frage gestellt, neue Facetten des Lebens kennengelernt. Kirche wird zum Ort für alle."

Von Anna Hoffmann

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