Sonntag , 4. Dezember 2022
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Klaus „Tuta“ Beckmann war glühender HSV-Fan schon zu Zeiten, als sein großes Idol Uwe Seeler noch Tore am Fließband in der Oberliga Nord schoss. (Foto: Boldt)

Mach‘s gut, Tuta!

Ein solches Original wie Klaus "Tuta" Beckmann gab es im Lüneburger Fußball kein zweites Mal. Jetzt ist der Tausendsassa kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben. Doch die Erinnerung an den kleinen Mann mit dem großen Herzen wird weiterleben.

Lüneburg. „Ich freue mich jeden Morgen, wenn der liebe Gott mich wieder aufwachen lässt“, sagte Klaus Beckmann neulich erst. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so alt werde.“ Am 19. Dezember feierte er seinen 90. Geburtstag. 16 Tage später hörte sein Herz plötzlich auf zu schlagen. Am vergangenen Montag verstarb Klaus Beckmann im Klinikum. Im Lüneburger Gedächtnis bleibt er als eines der größten Originale dieser Stadt. Denn genau das war er im wahrsten Sinne: originell, echt und unverfälscht.

Ein Universum voller Anekdoten

Erst vor neun Jahren lernte ich „Tuta“, wie ihn alle Fußballer nannten, persönlich kennen, als ich ihn erstmals zum Interview besuchte. „Kommen Sie herein und staunen Sie“, sagte er wie ein Zirkusdirektor und lachte. Es war der Eintritt ins Universum seiner Anekdoten und Geschichten. Vier Stunden lang dauerte unser erstes Interview. Tuta redete ununterbrochen. Uwe Seeler, Toni Turek, Fritz Walter, Max Schmeling, Beckmann‘s Eck, Königsberg, Lüneburg, LSK, HSV. Im Schnelldurchlauf erzählte er sein Leben. Das hat jeder erlebt, der ihn kannte. Tuta trug sein Herz auf der Zunge. Und am Ende eines Gesprächs stand gern sein schelmisches „Stimmt‘s, oder hab ich recht?“

Berührend waren die Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Ostpreußen. An die Bombennächte, als er mit seinen Eltern durch die brennenden Straßen in den Luftschutzbunker rannte. Als er Schulkameraden und Verwandte sterben sah. Als er in russische Gefangenschaft geriet. Diese Erfahrungen ließen ihn nie los.

Mal Sonnenschein und mal Tränen

„Beim Russen habe ich das Organisieren gelernt“, sagte er oft. Mit Beharrlichkeit und Schläue seine Ziele verfolgen – das kam ihm später zugute. „Wenn ich irgendwo zweimal abgewiesen werde, gehe ich eben noch ein drittes Mal hin“, pflegte er zu sagen. Durch die Organisation von Prominenten-Fußballspielen für soziale Zwecke wurde er in den 70er-Jahren stadtbekannt. „Ich habe so viel Glück im Leben gehabt. Da muss man was zurückgeben“, lautete sein Motto. Gern kehrten die Promis zu später Stunde in seiner Kneipe „Beckmann‘s Eck“ ein. Mike Krüger, der damals gerade seinen Hit „Mein Gott, Walter“ hatte, schrieb gut gelaunt ins Gästebuch: „Mein Gott, Tuta. Mach weiter so!“

Und der unverwüstliche Tuta machte immer weiter, stand auch nach harten Rückschlägen wieder auf. „So ist das Leben“, sagte er dann. „Mal Sonnenschein und mal Tränen.“ Manchmal auch beides zusammen. Wenn er mit seiner Rikscha beim Sülfmeisterumzug durch die feiernde Menschenmenge fuhr, standen ihm die Tränen in den Augen: „Das Leben kann so schön sein! Stimmt‘s, oder hab ich recht?“

Fußball, Karneval, Jahrmarkt – wo gute Laune herrschte, da war Tuta nicht weit. Und wo keine herrschte, da brachte er sie hin. Wenn er einen Witz erzählte, hörte die ganze Kneipe zu. Er war eine Frohnatur sondergleichen. Bei unserem ersten Treffen hatte er gerade eine Operation hinter sich. Doch von Jammern hielt er nichts. „Ich will doch bald wieder zum Training“, sagte der damals 81-Jährige mit verblüffender Selbstverständlichkeit und lachte: „Ich bin ja nicht mehr der Schnellste, aber ich bringe Ruhe in den Sturm.“ Torwart und Linksaußen sind ein bisschen verrückt, sagt man im Fußball. Tuta spielte beides.

Er hat seine Rollen gelebt

Wenn ich ihn besuchte, hatte er oft schon eine VHS-Kassette mit einem seiner alten Filme, in denen er mitgespielt hatte, eingelegt. Dann spulte er bis zur Szene vor, in der er seinen großen Auftritt hatte, sprach seinen Text mit und war glücklich.

Seine Geselligkeit und sein fröhliches Gemüt erhielt er sich bis zum Schluss. Auch den Tod nahm er gern mal auf die Schippe: „Johannes Heesters hat angerufen“, flachste er dann. „Ich habe ihm gesagt: Er muss noch warten.“ Mach‘s gut, Tuta!

Von Frank Lübberstedt

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