Montag , 5. Dezember 2022
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Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe
"New Cosmological Environment #1" von Jerszy Seymour. (Foto: Seymour)

Das neue Leben auf Orsimanirana

Aktivisten, nationale und internationale Kunstkollektive, Designer und Besucher waren eingeladen, in der Regie von Serszy Seumour ihre Visionen von einem neuen – besseren – Leben zu entwerfen und darzustellen. Herausgekommen ist im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung "Life on Planet Orsimanirani" – laut, bunt und auch ein wenig chaotisch.

Hamburg. Eine irritierende, fantastische und humorvolle Welt ist im Museum für Kunst und Gewerbe entstanden, ein knallbuntes Szenario zwischen Ausstellung, Radiosender, Workshop und Performance. „Life on Planet Orsimanirana“ ist ein Projekt des 1968 in Berlin geborenen Künstlers und Designers Jerszy Seymour, gemeinsam realisiert mit Amica Dall vom Londoner Architekturkollektiv Assemble und Emanuele Braga, Mitglied der Künstlergruppe Macao in Mailand. Livestreams ersetzen zurzeit den realen Besuch Orsimaniranas.

Als dezentral und dynamisch angelegte Vision vom Neubau der Welt folgt „Life on Planet Orsimanirana“ der Idee des Gesamtkunstwerks, das deutsche Wort gibt es auch im Englischen. Hier allerdings ist in einem Info-Text des Museums, das macht die Sachen zumindest im theoretischen Überbau ein wenig kompliziert, von einem „Non-Gesamt Gesamtkunstwerks“ die Rede. Internationale und lokale Kollektive, Aktivisten, Künstlern, Designer und die Besucher waren eingeladen, in dieser Welt Musik zu machen, an Workshops und Diskussionen teilzunehmen, Ideen zu entwickeln und sie im Radio zu teilen, sich „auf einen Kampf um die Zukunft einzustimmen und jene Welt zu fordern, in der sie leben wollen“.

Der Arbeitsbereich ist ein dichter Dschungel aus Gedanken, Reflexionen und Werkzeugen. Die Grundausstattung, bestehend aus Tischen und Stühlen, stammt von dem Künstler Tomasz Skibicki. Er erkundet in seiner Arbeit zwanghaftes Verhalten und Do-it-yourself-Strategien gegen den besitzergreifenden kapitalistischen Realismus. „Memory of the World“ von Marcell Mars ist als „GigaDownload“ verfügbar. Das Beleuchtungssystem „PositiveFuturePowerLightSystem“ von M.Bassy und dem Jerszy Seymour Design Workshop erhellt diesen Raum und auch die übrigen Ausstellungsbereiche.

Im Eingangsbereich erhebt die „Declaration of Other World Status“ nicht weniger als den Anspruch auf eine Neuformulierung unserer Grundrechte – eine gewöhnliche Waschmaschine mahnt an den schnöden Alltag. Im Wohnbereich beschwört eine naiv gemalte, dolmenartige Jurte des Malers Charles Benjamin einen neuen Seinszustand. „In der Kunst wird die naive Malerei nicht ernst genommen, als wäre es nicht erlaubt, etwas von Neuem zu beginnen“, sagt Benjamin, „ich wollte es trotzdem versuchen.“

An den Wänden wird eine komplexe Genealogie möglicher Erzählungen von einer neuen Welt präsentiert. Die entsprechenden Ausdrucksformen sind Videos, Zeichnungen, Kommunikationsmittel und Kunstwerke von Solisten und Kollektiven wie Selma Köran, Hallo Festspiele, Das Gängeviertel und Park Fiction. Die Website von Radio Orsimanirana ist als Teil der Museums-Ausstellung mit Arbeiten von Janne Schimmels Phantasmic Crystal Interface zugänglich.

„Mit dem Anliegen, Gleichheit und Harmonie zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Gender, sexueller Orientierung, zwischen Nichtmenschen und der Umwelt herzustellen und dabei zugleich Ausdrucksformen des Glücks und der Spiritualität zu fördern, versucht das Projekt auf die sozialen, ökologischen und existenziellen Krisen unserer Zeit zu reagieren“, sagen Emanuele Braga, Amica Dall und Jerszy Seymour, „hier können wir in einer inspirierenden Umgebung eine neue Welt schaffen, wie wir sie uns auf praktischer, imaginärer und symbolischer Ebene wünschen.“

Neben dem Lockdown stößt das Leben auf dem Planeten Orsimanirana an eine weitere Grenze: Das Projekt im Museum für Kunst und Gewerbe läuft bis zum 20. Juni.

Von Frank Füllgrabe

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