Samstag , 3. Dezember 2022
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Josep Caballero García
Josep Caballero Garcías Film führt durch das Leuphana-Zentralgebäude. (Foto: Chris Hewitt)

Queere Performance im Audimax

Eigentlich wollte der Regisseur Josep Caballero García sein Theaterstück „Who’s Afraid of Raimunda?“ auf der Bühne zeigen. Durch den Lockdown musste der Künstler umdenken, jetzt ist das Werk als queere Performance als Film zu sehen, eine Produktion für das Theater Lüneburg. Als Kulisse dient unter anderem das Audimax im Leuphana-Zentralgebäude.

Lüneburg. Raimunda – was für ein seltsamer, mehrteiliger Name! Als allegorische und vielleicht auch queere Figur steht sie für die Aufhebung von Identitätskonzepten. Einen ersten Streifzug machte sie in Hamburg auf Kampnagel, begleitet von den Lüneburger Symphonikern. Nun tritt Raimunda nicht – wie geplant – vor Publikum auf, sondern sondern vor die Kamera. Zur Debatte stehen tradierte Motive von Identität, Geschlecht und Macht, zu sehen ab morgen, Sonntag, 19 Uhr auf dem Youtube-Channel des Theaters Lüneburg.

Drei Kulturen auf der iberischen Halbinsel

Der Choreograf Josep Caballero García und sein Team haben ihr ursprüngliches Bühnenstück, das im Oktober auf Kampnagel uraufgeführt wurde, zu einem Film umgeschrieben, kunst- und kulturhistorischen Facetten Raimundas dokumentiert und zu drei Episoden montiert. Die Kulisse bildet das Zentralgebäude der Leuphana, am beindruckendsten wirkt natürlich das Audimax, wo ursprünglich die Lüneburger Aufführung hätte stattfinden sollen. Ein weiterer Drehort ist das Berliner Theater „HAU – Hebbel am Ufer“.

Die Arbeit an der Uraufführung von “Who’s Afraid of Raimunda” (im Titel wohl eine Anspielung auf Edward Albees Drama Who’s Afraid of Virginia Woolf?) begann vor einem Jahr mit der Erforschung eines Kapitels aus der mittelalterlichen Geschichte der iberischen Halbinsel – einer Zeit, in der die Pluralität von Kulturen und Geschlechtern geduldet wurde, bevor die Christen im Jahre 1492 die Halbinsel wiedereroberten und die Juden aus Granada auswiesen. Zuvor hatten über mehrere Jahrhunderte hinweg drei unterschiedliche Kulturen und Religionen zusammengelebt.

Nicht nur Kulturen hätten sich vermischt, sondern auch ihre sexuelle Praktiken – das ist der Ansatz von Josep Caballero García: „Zahlreiche Texte und Gedichte aus der Zeit beschreiben eine queere, hedonistische iberische Halbinsel und zugleich auch den Kampf gegen die andalusische und jüdische Homosexualität aus der Zeit der christlichen Wiedereroberung.“

Das Patriarchat regierte weiter

Zu Beginn der Stückrecherche lasen sich die Texte aus der jüdischen, arabischen und christlichen Literatur dieser Zeit noch als eine mögliche Utopie, erwiesen sich wenig später allerdings als ein zwar homosexuelles, aber nicht minder patriarchales Beziehungskonzept, in dem Frauen nicht vorkommen.

Darum also ist Garcías neues Projekt “Raimunda” gewidmet. Als allegorische Figur steht sie für verborgene, unsichtbare, vom Patriarchat oder von anderen Machtgefügen in den Schatten gestellte Identitäten und verkörpert den Widerstand gegen repressive Macht- und Ausgrenzungsmechanismen.

Aber wer genau ist nun Raimunda? „Erst einmal ist Raimunda meine Urgroßmutter“, sagt García, „es ist eine Frau, die am Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Erwartungen einer spanischen ländlichen Gesellschaft mit Männern Geschäfte machte, schreiben konnte und Zeitung las. Sie ist eine Figur aus meiner Familie, und sie ist die allegorische Figur unseres Stückes.“ Und: „Vom Mittelalter bis heute gibt es zahlreiche Raimundas und wir sind anlässlich unseres Stückes vielen anderen historischen Figuren begegnet, die ihr entsprechen. Unser Film geht über Raimunda hinaus und ist all den Körpern gewidmet, die sich wieder begegnen und berühren werden.“

Josep Caballero García studierte zeitgenössischen Tanz in Spanien und Frankreish, beendete seine Ausbildung an der Folkwang Hochschule Essen. Seit 1994 war er als Tänzer unter anderem bei Pina Bausch, Urs Dietrich, Doris Stelzer und Xavier le Roy tätig. Sein Fokus liegt auf der Verbindung zwischen historischen Elementen, Gender-Themen und Tänzer-Biografien. Seit 2016 arbeite er als Choreograf mit dem transnationalem Ensemble HAJUSOM in Hamburg.

Von Frank Füllgrabe

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