Sonntag , 4. Dezember 2022
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Karl Grabow ist durch und durch HSV-Fan, guckt seinen Idolen beim Training zu, denn ins Stadion darf er ja im Moment nicht. (Foto: lüb)

Kuddel und seine große Liebe zum HSV

Rauten-Fans wie Karl Grabow kann nichts erschüttern. Der gebürtige Lüneburger ist auch mit 83 Jahren noch ständiger Trainingsgast

Hamburg. Vor zwei Wochen war Karl Grabow alias „Flaggen-Kuddel“ noch felsenfest vom Bundesliga-Aufstieg seines Hamburger SV überzeugt: „In diesem Jahr schaffen wir es!“ Doch nach der 2:3-Blamage gegen Würzburg beschleichen selbst den beinharten HSV-Fan leichte Zweifel vor dem Stadtderby. Auch wenn er das nie zugibt: „Wir schlagen St. Pauli. Klare Sache!“, sagt der 83-Jährige, der als Zuschauer kaum ein HSV-Training verpasst.

Grabow, gebürtiger Lüneburger, gehört zur Schar jener Rentner, die im Volkspark bei Wind und Wetter am Trainingsplatz stehen. Der bekannteste von ihnen ist Peter Dietz (75). „Helm-Peter“, wie ihn die Boulevard-Presse wegen seines HSV-Fahrradhelms, den er nur zum Schlafen absetzt, nennt. Wenn den Journalisten bei ihrer Berichterstattung über den ewig gleichen Trainingsalltag langweilig wird, holen sie gern schräge Typen wie Helm-Peter vor die Kamera.

Und auch Flaggen-Kuddel, wie Grabow genannt wird, hatte schon seine Auftritte. Am Trainingsplatz hängt er gern seine Fähnchen-Sammlung auf – für jeden ausländischen HSV-Spieler hat er die passende Länderflagge dabei. „Für mich zählt nur der HSV“, sagt er. Und das schon seit Jahrzehnten. Vor Corona verpasste er kaum ein Heimspiel auf der Tribüne.

In Lüneburg geboren, in Hitzacker aufgewachsen

Geboren 1938 in Lüneburg, wuchs Grabow in Hitzacker auf. Sein Vater fiel im Krieg, seine Mutter hatte neun Kinder durchzubringen. Als 15-Jähriger begann er seine Maurerlehre, um früh auf eigenen Beinen zu stehen. Viele Jahre lang spielte er Fußball bei der TSV Hitzacker. Selbst dann noch, als er schon nach Hamburg gezogen war. Als Jugendlicher auf dem Bolzplatz hießen seine Idole Posipal, Wojtkowiak und Harden – HSV-Spieler aus den 50er-Jahren. Und Legenden wie Charly Dörfel und Uwe Seeler „kenne ich natürlich alle persönlich“, sagt er stolz. Oder auch Hans-Jürgen „Ditschi“ Ripp, der nach seiner HSV-Zeit beim Lüneburger SK spielte.

Mit seinem blauen Audi tuckert Grabow fast täglich von Winterhude in den Volkspark: „Bevor ich bei mir zu Hause um den Block laufe, gehe ich lieber dort spazieren und kann mir das Training anschauen.“ Statt Helm trägt er lieber seine HSV-Mütze mit den Initialen MJ – die stammt vom einstigen HSV-Trainer Martin Jol: „Ich habe ihn mal in Amsterdam besucht. Da hat er sie mir geschenkt.“ Auch bei den Sommer-Trainingslagern im Zillertal war Grabow schon dabei.

Alle paar Wochen besucht der 83-Jährige nach wie vor eine alte Bekannte in Lüneburg und blättert dort regelmäßig durch die Landeszeitung. Dort las er im Januar den Bericht über den Tod von Klaus „Tuta“ Beckmann. Sofort fuhr er nach Norderstedt und überbrachte Uwe Seeler die Nachricht. Grabow kann bis heute kaum glauben, „dass ich Klaus Beckmann nicht gekannt habe. Der war ja anscheinend genauso ein HSV-Verrückter wie ich. Den hätte ich sofort mal besucht.“

Tuta Beckmann nie kennengelernt

Beide hätten sich in jedem Fall viel zu erzählen gehabt. Über ihren HSV. Die großen Jahre und den Niedergang. Auch wenn der HSV abgestiegen und über Jahre regelrecht ausgeplündert worden ist – ein kritisches Wort ist Grabow trotzdem kaum zu entlocken. Nur so viel: „Die Spieler kriegen zu viel Geld. Wenn sie so spielen würden wie Uwe Seeler, hätten sie es auch verdient. Aber so...“

Dennoch: Als die Saison 2019/20 wegen Corona mit Geisterspielen zu Ende gebracht wurde, verzichtete Grabow zugunsten des Vereins auf die Rückerstattung für seine Dauerkarte. Komme, was wolle: Für Fans wie ihn bleibt der Verein so etwas wie eine Familie. Der 83-Jährige ist geschieden. Seine Tochter lebt in München, sein Sohn in London. „Aber sie sind immer noch HSV-Fans“, sagt er lachend. Und das ist es doch, was zählt, findet Flaggen-Kuddel.

Von Frank Lübberstedt

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