Sonntag , 4. Dezember 2022
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Kristina Hauff verbrachte für die Recherche zu "Unter Wasser Nacht" längere Zeit im Wendland. (Fotos: Bartholot/so)
Kristina Hauff verbrachte für die Recherche zu "Unter Wasser Nacht" längere Zeit im Wendland. (Fotos: Bartholot/so)

Verlust und Hoffnung

Eigentlich schreibt Susanne Kliem Krimis, aber nun hat sie etwas Neues gewagt und sich dafür auch gleich ein Pseudonym zugelegt. Als Kristina Hauff erzählt sie in ihrem Roman mit dem Drei-Wort-Titel "Unter Wasser Nacht" mit viel Gefühl von Gefühlen, Schicksalen und überraschenden Wendungen, verortet an der Elbe im Wendland mit einer Prise Lüneburg.

Lüneburg. Das Wendland ist eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Deutschlands. Sie ist vom Wasser geprägt. Die Elbe, Lebensader für weite Teile Norddeutschlands, bestimmt den Takt von Land und Leuten. Dieser Strom hat auf viele Menschen eine fast mystische Anziehungskraft, entwickelt eine starke Faszination.

In diesem Setting aus Idylle und Gefahr hat Kristina Hauff ihren erstklassigen Roman „Unter Wasser Nacht“ verortet. Ein subtiler, wunderbar erzählter Roman über einen unfassbaren Verlust, den Versuch der Verarbeitung und die Tragfähigkeit menschlicher Beziehungen.

Sie verloren ihren Sohn Aaron

Zwei Paare teilen sich in einem Dorf im Wendland einen idyllischen alten Hof. Doch Sophie und Theis ist das Schlimmste passiert, was Eltern widerfahren kann: Sie verloren ihren Sohn Aaron. Er ist in der Elbe unter ungeklärten Umständen ertrunken. Jeder versucht, die Trauer auf seine Weise zu verarbeiten. Sophie stürzt sich in die Arbeit in einem Labor in Lüneburg, Theis unternimmt lange Spaziergänge an dem Strom, der ihm seinen Sohn nahm. Ihre Ehe droht zu zerbrechen. Genau wie die zuvor unverbrüchlich erscheinende Freundschaft zu Inga und Bodo, die gegenüber mit ihren zwei Kindern das scheinbar perfekte Familienglück leben.

Die Geschichte wird aus den verschiedenen Blickwinkeln der vier Hauptfiguren erzählt. Nach und nach legt die Autorin geschickt ganz verschiedene Fundamente ihrer Geschichte frei. Dass Aaron zum Beispiel oft alles andere als ein sympathischer Junge war, ist eines davon.

Hinter Kristina Hauff steckt Krimi-Autorin Susanne Kliem

Schließlich erscheint Mara auf der Bildfläche. Sie ist die Tochter einer Anti-Atom-Aktivistin, die vor Jahrzehnten im Wendland gegen den Atomstandort Gorleben demonstriert hat. Maras gewinnende Art, das, was sie herausbekommt und das, was sie weiß, bringt alles durcheinander.

Kristina Hauff wurde am Niederrhein geboren. Für die ARD und das ZDF sowie am Theater arbeitete sie als Pressereferentin. Unter ihrem richtigen Namen Susanne Kliem schreibt sie auch Kriminalromane. Für dieses Projekt verbrachte sie längere Zeit im Wendland, recherchierte in einschlägigen Archiven.

Mit „Unter Wasser Nacht“ ist ihr ein psychologisch sehr feinfühliger, berührender Roman gelungen. Das Buch thematisiert Trauer, Verdrängung, Misstrauen, Lebenslügen und vor allem menschliche Beziehungen. Es geht um die Macht, aber auch die Zerbrechlichkeit von Liebe, Familie und Freundschaft. Und darum, wie es gelingen kann, wieder Hoffnung zu schöpfen. Kristina Hauff bedient sich einer sehr feinen, beinahe zärtlichen Sprache, die Dialoge sind präzise, klug und lebensnah. Die spannende Geschichte ist leise und gleichzeitig sehr kraftvoll erzählt, nimmt ab und an auch subtile Anleihen beim Kriminalliteratur-Genre.

„Dünn besiedelt, aber schwer was los“

Der Roman, in dem auch Lüneburg eine Nebenrolle spielt, ist zudem ein gut getroffenes Portrait des Wendlandes, seiner Menschen und seiner jüngeren Geschichte, die durch den Anti-Atom-Protest (Gorleben, Castor-Transporte) geprägt ist. Drei ihrer Hauptfiguren hat die Autorin biographisch im Widerstand verortet. „Gereizt hat mich der Gegensatz im Wendland: dünn besiedelt, aber schwer was los! Einerseits findet man die Flussauen, Landwirtschaft, Dörfer, andererseits hat die Benennung von Gorleben als Standort für ein ,Nukleares Entsorgungszentrum‘ in den 70er-Jahren die Idylle aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen“, sagte Kristina Hauff im Interview beim Literaturblog belletristik-couch.de.

„Unter Wasser Nacht“ ist ein Heimatroman im besten Wortsinne. Er erinnert in seiner Komposition und Erzählmelodie an Dörthe Hansens Bestseller „Altes Land“ – und muss sich dahinter nicht verstecken.

Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht. Hanserblau, 288 Seiten, 20 Euro.

Von Matthias Sobottka

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