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Rüdiger von Fritsch war fünf Jahre lang deutscher Botschafter in Russland. (Foto: Pavel Golovkin)

Immer mit einem Ohr in den Clubs

Eine neue Reihe des Literaturbüros präsentiert Werke junger Autoren, Joshua Groß macht den Anfang am kommenden Dienstag. Los geht mit einem Livestream, aber vielleicht kann das Publikum in ein paar Wochen auch live vor Ort zuhören.


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Eine neue Reihe des Literaturbüros präsentiert Werke junger Autoren, Joshua Groß macht den Anfang am kommenden Dienstag. Los geht mit einem Livestream, aber vielleicht kann das Publikum in ein paar Wochen auch live vor Ort zuhören.

Lüneburg. Das Literaturbüro Lüneburg hat seine Termine für Mai und Juni beisammen. Was noch nicht klar ist: Treten die Autoren live oder online auf? Fest steht: Am Dienstag, 18. Mai, 19.30 Uhr, präsentiert Joshua Groß seinen Roman „Flexen in Miami“ auf jeden Fall noch als Livestream, Miriam Zeh moderiert. Der Abend gehört zu der neuen Reihe „aufbrüche“, kuratiert von Julia Haase, Studentin der Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität. Das Format bietet jüngeren Autoren eine Bühne vor allem für für ihre Neuerscheinungen.

Die Texte von Joshua Groß, Jahrgang 1989, sind experimentierfreudig und originell. Mit „Flexen in Miami“ habe er einen neuen Ton in die junge deutsche Literatur gebracht: „Unglaublich cool, originell und niemals langweilig“, lobte der Bayerische Rundfunk. In seinem Erzählband „Entkommen“ sind Nürnberg, das Label Elektrolux oder Bergamo die ganz realen Ausgangspunkte kaleidoskopischer Welten und Geschichten, die immer wieder verblüffende Wendungen nehmen: So entdeckt eine rätselhafte Professorin ihre Faszination für einen uralten Baum und ein Wrestler verschickt auch nach seinem Verschwinden noch bedeutsame Nachrichten.

Neue Sichtweisen auf die Gegenwart

Im Jahre 2018 war Joshua Groß mit einem Auszug aus dem noch unveröffentlichten Roman „Flexen in Miami“ zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt eingeladen worden, 2019 erhielt er den Anna-Seghers-Preis. Miriam Zeh moderiert im Deutschlandfunk die Literatursendung Büchermarkt, die sie auch redaktionell betreut.

▶ Am Dienstag, 1. Juni, 19.30 Uhr, wird die Reihe „aufbrüche – junge literatur 2021“ weitergedreht, Juliane Liebert und Arne Rautenberg lesen aus ihren Gedichtbänden. Was verbindet ihre Gedichte? Sie wirken teilweise wie im Rausch geschrieben, eröffnen neue Sichtweisen auf die Gegenwart. In ihrem Lyrikdebüt „lieder an das große nichts“ nimmt Juliane Liebert, Jahrgang 1989, die Leser mit in die nächtliche Großstadt. Immer mit einem Ohr in den Clubs horcht die Autorin auf „die einsamen, die lauten, die leichten dinge“.

Die domestizierte Natur beginnt sich zu wehren, die von ihren spirituellen Wurzeln abgeschnittene Menschheit erkennt ihren stetig näherkommenden Verfall: In „betrunkene wälder“ legt Arne Rautenberg Gedichte vor, die in ihrer ganz eigenen Art Mut machen und Sinn stiften wollen. Rautenberg, geboren 1967, wurde für sein lyrisches Werk mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2020 mit dem Kulturpreis der Stadt Kiel. Die Moderation übernimmt wiederum Miriam Zeh.

▶ Dritter Termin der Reihe „aufbrüche“: Dienstag, 8. Juni, 19.30 Uhr, geplant für das Foyer des Museums Lüneburg: Carolin Wiedemann liest aus „Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats“. Es gibt derzeit wohl wenige Themen, mit denene sich so viele Emotionen mobilisieren lassen wie mit Genderpolitik. Das Spektrum reicht vom Spott über das Gendersternchen bis zu den Manifesten rechtsradikaler Terroristen. Carolin Wiedemann stellt in ihrer Analyse dar, dass Antifeminismus ein zentrales Element des politischen Rechtsrucks ist – und bis in die politische Linke Sympathisanten hat. Mit viel Sprachgefühl zeigt die 1983 geborene Journalistin und Soziologin, wie es sich ohne das Patriarchat für alle besser leben lässt: Ihr Buch ist eine Anstiftung zum rebellischen und zärtlichen Miteinander und ein Mutmacher für all jene, die sich seit Langem mit sexistischen Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen. Es moderiert Jan Ehlert von NDR Kultur.

▶ Donnerstag, 24. Juni, 19 Uhr, Hörsaal 4 der Leuphana Universität, 19 Uhr: Lesung mit Heinrich-Heine-Gastdozentin Ulrike Draesner. Die Autorin, geboren 1962 in München, schreibt Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte. Ihre Werke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Nicolas-Born-Preis (2016), dem Gertrud-Kolmar-Preis (2019) und 2020 mit dem Bayerischen Buchpreis, dem Deutschen Preis für Nature Writing, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Ida-Dehmel-Literaturpreis. Seit April 2018 ist sie Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ulrike Draesner gilt als eine der wichtigsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Als Übersetzerin hat sie unter anderem die Nobelpreisträgerin 2020 Louise Glück ins Deutsche übertragen. Veranstalter: Literaturbüro Lüneburg, Leuphana Universität.

▶ Mittwoch, 30. Juni, 19.30 Uhr: Was uns bewegt – „Russlands Weg. Als Botschafter in Moskau“, Gespräch mit Rüdiger von Fritsch. Die Krim ist gerade annektiert, als Rüdiger von Fritsch Botschafter in Moskau wird. Danach geht es Schlag auf Schlag: Donbas, Abschuss von MH17, Syrien, Skripal. Dennoch sieht von Fritsch zu guten deutsch-russischen Beziehungen keine Alternative – und setzt konsequent auf Entschlossenheit und die Stärke der Diplomatie: den Dialog. Fünf Jahre stand er im oft schwierigen Austausch mit den Machthabern in Russland – und hat dabei Haltung bewahrt. Sein Buch ist die hellsichtige Analyse eines kritischen Russlandverstehers, der eine neue Perspektive für die deutsch-russischen Beziehungen aufzeigt.

Botschafter in Warschau und in Moskau

Rüdiger von Fritsch, geboren 1953, bereitete die EU-Osterweiterung als Unterhändler in Brüssel vor, er war Leiter des Planungsstabes des Bundespräsidenten und Vizepräsident des BND. Von 2010–2014 war er Botschafter in Warschau und von 2014–2019 Botschafter in Moskau. 2009 veröffentlichte Rüdiger von Fritsch das Buch „Die Sache mit Tom“, in dem er davon berichtet, wie er 1974 gemeinsam mit seinem Bruder seinem Vetter Thomas und dessen Freunden zur Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik verhalf.

Live-Stream unter www.literaturbuero-lueneburg.de

Von Frank Füllgrabe

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