Donnerstag , 9. Dezember 2021
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Wolfgang Borchert
Wolfgang Borchert, lässig in einem Lüneburger Hinterhof, aufgenommen von seiner Schauspielkollegin Heidi Boyes. (Foto: Archiv)

Schriftsteller Wolfgang Borchert als Schauspieler in Lüneburg

Sein Heimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" zählt zu den wichtigsten Dramen der Nachkriegszeit. Der todkrank aus dem Krieg gekommene Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert starb im November 1947 nur einen Tag vor der Premiere seines Stücks, er wurde nur 26 Jahre alt. Borchert wollte Schauspieler werden, drei Monate spielte er in Lüneburg. Dann musste er in den Krieg.


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Sein Heimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" zählt zu den wichtigsten Dramen der Nachkriegszeit. Der todkrank aus dem Krieg gekommene Hamburger Schriftsteller Wolfgang Borchert starb im November 1947 nur einen Tag vor der Premiere seines Stücks, er wurde nur 26 Jahre alt. Borchert wollte Schauspieler werden, drei Monate spielte er in Lüneburg. Dann musste er in den Krieg.

Lüneburg. Er wird nur 26 Jahre alt werden. Sein dramatisch kurzes Leben verläuft manchmal himmelhoch jauchzend, doch viel häufiger zu Tode betrübt. Wolfgang Borchert zählt dank seines Heimkehrerdramas „Draußen vor der Tür“ zu den wichtigsten Autoren seiner Zeit. Als Wolfgang Liebeneiner das Stück zum 21. November 1947 an den Hamburger Kammerspielen inszeniert, ist Borchert einen Tag zuvor gestorben. Der gehasste Krieg hat ihn zermürbt. Heute, am 20. Mai, vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller geboren. Im Frühjahr vor 80 Jahren erlebte er „die schönste Zeit meines Lebens“, wie er später schrieb. Vom 3. April bis 6. Juni war er Schauspieler in Lüneburg – bis ihn die Kriegsmaschine aus aller Euphorie riss.

Buchhändlerlehre und Schauspiel-Unterricht

Die Liebe zum Theater entflammt, als der 15-jährige Junge aus Eppendorf Gustaf Gründgens als Hamlet sieht. Der Berufswunsch Schauspieler brennt in ihm. Als ihn sein Vater in einer Buchhändlerlehre unterbringt, nimmt der Lehrling abends Schauspielunterricht bei Helmuth Gmelin, der später das Theater im Zimmer gründete. Er ist ein glühender, schwärmerischer, sich hinreißen lassender und kein Pathos scheuender junger Mann. In einem Brief vom 27. April 1940 an einen Förderer, den Feuilletonisten Hugo Sieker, schreibt er, dass Gmelin sage: „Ich berauschte mich zu sehr an der Rede an sich – wäre zu sehr Dialektiker, Spieler und Sprecher, wobei ich den Sinn des Gesagten vergäße!“ Und trotzdem: „Ich fühle, daß mein Tag kommt. Genauso wie ich weiß, daß es für mich nichts anderes gibt als: Theater!“

Draußen toben Krieg und Terrror. Die Gestapo hat ihn immer wieder auf dem Kieker, wegen seiner berauschten, vom Expressionismus befeuerten Gedichte, seiner Nähe zur verfolgten Swingjugend. Borchert schwärmt aber vor allem vom Theater und sieht eine Karriere vor sich: „Ich bin von der Theaterkammer als ‚außergewöhnlich begabt‘ reklamiert und das fällt natürlich nicht vom Himmel.“ Dann aber fällt er tief: Am 7. Februar 1941 kommt ein Einberufungsbefehl. Er kann ihn abwenden, darf seine Schauspielprüfung absolvieren, was am 21. März geschieht.

Ein herrliches Vagabundenleben

Es folgen drei berauschende Monate. Borchert wird von der Landesbühne Osthannover in Lüneburg engagiert. Intendant ist seit 1936 Hans Harloff, die Gage beträgt 150 Mark im Monat. Borchert wohnt kurz im Hotel, dann bei Frau Köllner in der Adolf-Hitler-Straße 9, der heutigen Lindenstraße.

Die Landesbühne sei „eine Art Thespiskarren: wir spielen jeden Abend woanders, mal in Winsen, Stade, Bremen, Suderburg, Cuxhaven usw. Also ein herrliches Vagabundenleben!“, schreibt Borchert im April an den Schriftsteller und Journalisten Carl Albert Lange. Es geht auch auf die Dörfer: Bardowick, Barum, Pommoissel, Neuhaus.

Borchert spielt nicht Hamlet, sondern kleine Rollen in Klamotten: „Krach im Hinterhaus“, „Die vier Gesellen“, „Krach um Jolanthe“. Aber egal, für ihn ist das Leben ein Rausch. Er habe „schöne, große Rollen bekommen, wenngleich auch nicht in meinem Fach.“ Der neue Mann der Truppe mit seiner „sympathischen, eleganten Erscheinung“ wird gesehen, er werde „in Gesellschaftsstücken dankbare Verwendung finden“, schreibt Eberhard Tilgner in den Lüneburger Anzeigen.

Die Tage sind lang, die Nächte kurz. Der junge Schauspieler nimmt alles mit. „Saufen, huren, spielen – Leben! Theater, es gibt nichts schöneres!“, schreibt er an die Künstlerin Vera Mohr-Möller. Er wählt in Briefen auch weit drastischere Worte, wenn er etwa seine Kolleginnen als nette Nutten charakterisiert und das nicht herabsetzend meint.

Wehmut, Weltschmerz, dunkle Ahnungen

Hat Borchert Zeit, geht er ins Bali-Kino, trinkt Bier mit Kollegen im Emil Hennes Gaststätte „Zur Hoffnung“ am Sande, er schreibt Briefe, umschwärmt die Kollegin Heidi Boyes. Liebesbriefe an sie haben sich erhalten. Sie fotografiert ihn auch, wie er lässig in einem Lüneburger Hinterhof steht. Bei der Uraufführung von „Draußen vor der Tür“ wird sie auf der Bühne stehen.

Nur drei Monate. Im Mai reisen die Schauspieler zur Truppenbetreuung ins Flämische. Wolfgang Borchert nicht. Hitlers Krieg ruft – und wird ihn fressen. Er hat noch ein paar Tage. Ihn packen Wehmut, Weltschmerz, dunkle Ahnungen. An Heidi Boyes schreibt er: „ Dies ist mein letzter Brief aus unserem schönen Lüneburg – Abschied von dieser reizenden kleinen Stadt, Abschied von einer schönen Zeit, schön, weil Du da warst.“

Seine nächste Adresse Mitte Juni lautet: Tannenberg-Kaserne Block E, Weimar-Lützendorf. Alles Schwärmerische ist gewichen, alle Farbe wird grau, alle Illusionen platzen. An einem Sonntag im Sommer schreibt Borchert an Hugo Sieker: „Es war die schönste Zeit meines Lebens und Sie können sich denken, wie schmerzlich diese fremde, sinnlose Welt aus meinem Lebenstraum gerissen hat! Es ist kaum zu ertragen – aber: es muß ja ertragen werden!“

▶ Die Universitätsbibliothek Hamburg zeigt eine neue Dauerausstellung, die den Nachlass des Autors und sein Arbeitszimmer öffentlich zugänglich macht. Zu seinem 100. Geburtstag sind Möbel, seine Bücher, Tabakspfeife, die berühmten Küchenuhr und viele weitere Objekten in das Hauptgebäude der Bibliothek umgezogen. Hier wurde die „Borchert-Box“ eröffnet, ein Glaskasten mit zwei Räumen, in denen die neue Ausstellung „Dissonanzen. Wolfgang Borchert (1921-1947)“ Platz findet.

Auch Open-Air-Veranstaltungen widmen sich den Texten und dem Leben Borcherts. Während einer abendlichen Wanderlesung im Jenischpark werden die schönsten Mondgedichte des Schriftstellers zu hören sein, eine Hafenrundfahrt, ein literarischer Spaziergang und eine Fahrradtour laden ein, die Spuren des Autors zu erkunden. In seinem Heimat-Stadtteil Eppendorf schmücken unter dem Motto „Draußen vor den Türen“ Zitate aus seinem Drama Hauseingänge.

Von Hans-Martin Koch

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