Montag , 5. Dezember 2022
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Tamás Besir mit seinem Sohn Jano. Beide lieben den Fußball und sind gespannt auf die Partie Deutschland gegen Ungarn heute Abend. (Foto: t&w)

Sein Fußballherz schlägt halb und halb

Lüneburg. Tamás Besir lässt sich nicht festnageln. Deutschland oder Ungarn? Von dieser Fragerei nach Lieblingsmannschaft und Favoritenrolle vor der Partie heute Abend hält er gar nichts. „Ich bin für ein gutes Spiel, in dem beide alles reinhauen und das nicht taktisch geprägt ist und langweilig wird.“

Die Zeichen dafür stehen gut, denn Außenseiter Ungarn hat mit dem 1:1 gegen Frankreich mächtig Würze in die Gruppe F gebracht. „Das war krass, wie die gefightet haben, aber auch die Deutschen haben gegen Portugal endlich ihre Handbremse gelöst. Es wird spannend“, freut sich der Lüneburger mit ungarischen Wurzeln, der früher als Torwart beim LSK II und bei der LSV zwischen den Pfosten stand.

Er trainiert das U 9-Team von Sohn Jano beim MTV

Zum Fototermin treffen wir den 47-Jährigen passend zum Thema auf dem Fußballplatz in der Hasenburg. Er trainiert die U 9-Kreisliga-Mannschaft seines Sohnes Jano beim MTV Treubund. Der Neunjährige trägt ein Bayern-Trikot von Robert Lewandowski. „Aber meine Oma ist Manuel-Neuer-Fan“, versichert er schnell, „und bei der EM bin ich für Deutschland.“ Und dann lässt sich sogar Papa Tamás entgegen seiner Prinzipien tatsächlich einen Lieblingsspieler entlocken: Gianluigi Buffon von Juventus Turin. „Ein Weltklasse-Torwart und toller Mensch, von seiner Sorte müsste es mehr geben.“

Auch Tamás Besir fühlte sich im Tor am wohlsten. Als er drei Jahre alt war, zog er mit seiner Familie von Bautzen nach Ungarn, der Heimat seines Vaters. Seine Mutter ist Deutsche. „In Ungarn lebte man besser als in der DDR.“ Dort begann er das Fußballspielen, bekam mit 17 Jahren einen Vertrag für die Erste Liga beim SC Szeged.

Mit 1,80 m zu klein für eine Torwart-Karriere

„Ich habe erst kürzlich erfahren, dass ich dort mit dem Vater von Roland Sallai vom SC Freiburg gespielt habe. Wir haben nur auf die Nase bekommen und sind gleich wieder abgestiegen.“

Als er mit 19 Jahren zurück nach Deutschland kam, war nach Sichtungsterminen bei Werder Bremen, dem HSV und Hannover 96 schnell klar, dass es zu einer höherklassigen Karriere nicht reicht: „Mit 1,80 Metern war ich als Torwart einfach zu klein.“ Er wurde im 2. Team des Lüneburger SK heimisch, wechselte dann zur Lüneburger SV. Die Landesliga-Spieler von damals treffen sich regelmäßig.

Den Ungarn traut Tamás Besir auch heute einiges zu: „Schade, dass Dominik Szoboszlai verletzt ist, aber sie haben mit Willi Orban, Roland Sallai und Ádám Szalai gute Spieler, die in Deutschland kicken. Auch, wenn die Mannschaft technisch nicht so versiert ist, ihr Schlüssel ist ihr Auftreten als Einheit.“ Und sofort erinnert er sich an das 3:3 im EM-Spiel 2016 zwischen Ungarn und Portugal. „Das war so geil. Da kriege ich sofort wieder Gänsehaut.“

55.000 Zuschauer gaben der Elf gegen Frankreich in der Arena in Budapest Rückenwind. Das Stadion war ausverkauft, die Kritik mit Blick auf Corona groß. „Das ist Orbán, da geht es dann um die Nation, alles andere ist egal“, versucht Tamás Besir eine Erklärung. Lautstarke Rückendeckung der Fans wird ihnen in München fehlen. „Das könnte ein Vorteil für Deutschland sein, dass sie wieder Zuhause spielen.“

Idee einer bunten Arena in München hätte er begrüßt

Die Idee der Stadt München, die Allianz-Arena als Zeichen gegen Homophobie in Regenbogenfarben leuchten zu lassen, hätte der 47-Jährige begrüßt. „Ich wäre dafür gewesen.“ Doch die UEFA hat den Antrag gestern abgelehnt.

Als Leiter einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen in Lüneburg kann Besir nicht jedes EM-Spiel verfolgen. Heute Abend schon – und sein Fußballherz schlägt „halb und halb“.

Von Kathrin Bensemann

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