Sonntag , 4. Dezember 2022
Anzeige
Vor der Münchner Arena waren während der EM Regenbogenfahnen zu sehen, das Stadion selbst durfte nicht in diesen Farben beleuchtet werden. Foto: Imago
Vor der Münchner Arena waren während der EM Regenbogenfahnen zu sehen, das Stadion selbst durfte nicht in diesen Farben beleuchtet werden. Foto: Imago

Moralische Bankrotterklärung des modernen Fußballs

Die paneuropäische EM geht zu Ende. Gut so, denn sie war eine Farce. Ein Kommentar.

Verkauft wurde uns diese Paneuropa-EM vor neun Jahren von ihrem Initiator Michel Platini, mittlerweile längst im Korruptions-Sumpf versunken, als kontinentumspannendes Fußball-Fest zur Völkerverständigung. Verkommen ist sie letztlich zu einer bösen Farce, die am Sonntag zu Ende geht. Endlich.

Okay, für das Corona-Virus kann nicht einmal die UEFA etwas. Dennoch ist es in höchstem Maße verantwortungslos, während einer Pandemie darauf zu bestehen, das Turnier wie geplant über ganz Europa zu verteilen. Ein potenzielles Spreader-Event der Güteklasse A. Noch gibt es keine genauen Zahlen, aber erste Meldungen deuten darauf hin, dass sich allein in England während der EM mehrere tausend Menschen mit dem Corona-Virus infiziert haben.

Druck auf Ausrichterstädte und Regierungen

Der UEFA freilich ist das egal. Wo sie nur konnte, übte sie Druck auf die Ausrichterstädte, ja sogar auf Regierungen aus, um die erlaubten Zuschauerkapazitäten in den Stadien zu steigern. Unverhohlen wurde auch London mit dem Entzug der Finalspiele gedroht, sollten nicht mindestens 60.000 Zuschauer für die Halbfinals und das Endspiel in Wembley zugelassen werden. Während Japan zeigt, dass es auch anders geht (keine Zuschauer bei Olympia), war bei Großbritanniens Premier Boris Johnson diesbezüglich kaum Überzeugungsarbeit nötig.

Mit dieser Vorgehensweise nimmt der Verband billigend viele neue Erkrankungen und eventuell auch Schlimmeres in Kauf. Na und? Die UEFA giert nach Geld, Macht und Einfluss. Da sind Empathie, Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein lediglich etwas für Sozialromantiker. Mindestens ebenso skandalös ist es aber, dass die UEFA damit durchkommt. Paul Breitner hat es vor einigen Wochen schön ausgedrückt: „Was glaubt die UEFA eigentlich, wer sie ist?“ Allmächtig ist sie, das glaubt sie.

Drama um Eriksen: Hauptsache, der Spielplan wird eingehalten

Schon am zweiten Tag der EM zeigte sich, mit welcher Radikalität die Verantwortlichen ihr Turnier durchziehen wollten. Im Spiel zwischen Dänemark und Finnland brach Dänemarks Christian Eriksen mit einem Herzstillstand zusammen. Sein Leben hing am seidenen Faden. Dass er überlebte, war die schönste Nachricht dieser Wochen. Die UEFA aber schaute nur auf ihren Spielplan: Entweder sofortige Spiel-Fortsetzung oder Neuansetzung am nächsten Tag. Das ist zynisch und hat mit Fürsorgepflicht gegenüber den Spielern nichts zu tun.

Im Gegensatz zu ihren Allmachts-Anfällen hinsichtlich der Corona-Regeln steht die UEFA-Politik zum Thema Regenbogen. Hier fielen die Fußball-Funktionäre vor Potentaten auf die Knie. Der Stadt München wurde verboten, das Stadion vor dem Spiel gegen Ungarn als Zeichen der Solidarität mit der LGBTQ-Bewegung in Regenbogen-Farben erstrahlen zu lassen.

UEFA-Kampagnen gegen Diskriminierung nur wertloser Wort-Schrott

Auch in Baku und St. Petersburg durften nicht einmal die Werbebotschaften des offiziellen EM-Autosponsors in Regenbogen-Farben über die Banden flimmern. Wegen „rechtlicher Rahmenbedingungen“. Und weil man keine politischen Statements wolle. Parallel aber fährt die UEFA Hochglanz-Kampagnen („Equalgame“) gegen Diskriminierung, Homophobie und Rassismus. Das alles ist vor dem Hintergrund dessen, was wir erlebt haben, wertloser Wortschrott von einer geradezu obszönen Doppelzüngigkeit und Unglaubwürdigkeit.

Große Sport-Ereignisse waren schon immer politisch

Die großen Sportverbände wie UEFA, FIFA und IOC geben vor, sich in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren. Wenn es aber darum geht, Farbe(n) zu bekennen, beruft man sich auf politische Neutralität.

Das ist, freundlich formuliert, unrealistisch. Große Sport-Ereignisse waren schon immer politisch. Man denke an die unsäglichen Nazi-Spiele von 1936 in Berlin, die Fußball-WM 1978 in Argentinien (geprägt von der Militärjunta unter Diktator Videla) oder im Kalten Krieg die Boykott-Spiele von Moskau 1980 und Los Angeles vier Jahre später.

Zusammenfassend war diese Paneuropa-EM nicht nur ein Turnier der verpassten Chancen, sie war schlicht die moralische Bankrott-Erklärung des modernen Fußballs.

Und dann auch noch die Katar-WM im nächsten Jahr

Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: An der Winter-WM in Katar im nächsten Jahr wird Blut kleben. Blut der vielen Menschen, die beim Bau der Stadien unter indiskutablen Arbeitsbedingungen ums Leben gekommen sind. Ein Boykott dieses Turniers wäre das einzig Richtige. Auf diese Idee wird der linientreue DFB freilich nicht kommen. Vielleicht tut uns ja „Die Mannschaft“ den Gefallen, sich nicht zu qualifizieren. Die Leistungen bei der EM geben durchaus Anlass zur Hoffnung.

Allerdings haben auch wir alle selbst das Instrument des Boykotts in der Hand. Noch wird man nicht gezwungen, die Spiele zu konsumieren. Nur Sozialromantik? Warten wir es ab.

 

Von Matthias Sobottka

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.