Sonntag , 4. Dezember 2022
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Sommerliche Musiktage
Die Musiker in der Mitte, das Publikum drumherum: Antje Weithaas (Violine), Callum Hay Jennings (Kontrabass), Tillmann Höfs (Horn), sowie hier von hinten zu sehen Nicola Jürgensen (Klarinette) und Stefan Schweigert (Fagott). (Foto: Kay-Christian Heine)

Fulminanter Abschluss der Sommerlichen Musiktage

Die 76. Musiktage in Hitzacker sind Geschichte. Doch die finalen Konzerte hatten es nochmal in sich. Die Musikerinnen und Musiker belegten nicht nur ihr Können, sondern auch die Magie der Musik.

Hitzacker. Keine Bühne stattdessen ein Kreis, der Klang bildete das Epizentrum, optisch und akustisch. Das Publikum saß acht Instrumentalist*innen buchstäblich im Nacken. Unmittelbarer geht es nicht. Auch die beiden letzten Festival-Tage gehörten wie die gesamte Woche dem Wiener Komponisten, auf ihn und seine Wirkung bis in die Gegenwart richtete sich der Fokus. Das Motto formulierte ein Bekenntnis: „Schubert.Jetzt“.

Diskussionen über das Gehörte

Mit dem Pianisten Sir András Schiff rückte im Finale ein Künstler von Weltruf in den Mittelpunkt, der nach einer Hörakademie zum Abschluss der 76. Sommerlichen Musiktage Hitzacker zu zwei Konzerten mit fulminant gespielten Schubert-Klaviersonaten lud.

Das vorletzte Abendprogramm der diesjährigen Ausgabe verzichtete im gut besuchten VERDO-Konzertsaal auf Werke des Romantikers, sah überwiegend aus jüngerer Perspektive auf den Impulsgeber. Die Interpret*innen pirschten sich dem avisierten Oktett an, um am Ende in voller Besetzung zum Menuetto von Jörg Widmann zu gelangen. Im letzten Abendkonzert folgte mit dem komplexen Oktett F-Dur, D 803, noch ein originärer Franz Schubert in Gipfellagen höchster Schwierigkeitsgrade.

Freunde unter sich, die gemeinsam Großes schaffen

Der dramaturgische Leitfaden mit vielfältigen, spannenden Begegnungsoptionen und Höreindrücken, digitalen Angeboten und Akademien regte das Publikum stark an. Im Foyer wurde fleißig diskutiert über das bisher Gehörte. Ein Spirit mit intellektuellem Aufschlag, der Weichen für die Zukunft auslegt. Künftig sollte das Augenmerk mehr jüngere Menschen im Blick haben, sie tauchen einstweilen nur sparsam auf. Der innovative Intendant Oliver Wille dürfte diesen Aspekt gewiss berücksichtigen, liegt ihm doch die Vermittlung von Musik besonders am Herzen.

Vergangenheit traf auf Gegenwart

In den 76. Musiktagen traf Vergangenheit auf Gegenwart. Das schuf breite Aktionsräume für schroffe Kontraste, Bruchstellen, zeigte ebenso stringent Übergänge, Bezüge auf. Die eingeladenen Künstler*innen führten international aufgestellte Virtuosen und prämierten Nachwuchs zusammen, im Stil der Schubertiaden: Freunde unter sich, die gemeinsam Großes schaffen, damit Zuhörende begeisterten.

Das geschah in den finalen Abendkonzerten exemplarisch, beeindruckte, löste Bravorufe aus. Antje Weithaas (Violine), Oliver Wille (Violine), Volker Jacobsen (Viola), Maximilian Hornung (Violoncello), Callum Hay Jennings (Kontrabass), Nicola Jürgensen (Klarinette), Stefan Schweigert (Fagott) und Tillmann Höfs (Horn) verbandelten sich zum exzellenten, handverlesenen Ensemble, das Schuberts Oktett ebenso transparent durchleuchtete wie avantgardistischen Klangwelten eines Alfred Schnittke.

Handwerkliche Meisterschaft

Zwei Jahrhunderte umspannte der Auftakt zum finalen Abend. Ludwig van Beethoven lieferte eine Klammer. Aus seinem leidenschaftlichen Septett Es-Dur, op 20, hatten die Ausführenden das Adagio und Allegro con brio gewählt. Ein Start nach Maß, der ihre wache Konzentration und künstlerische Kompetenz vortrefflich demonstrierte.

Das Duett für Viola und Violoncello, WoO 32, schrieb Beethoven im Auftrag von zwei Wiener Optikern als Gelegenheitsarbeit, die handwerkliche Meisterschaft mit Nachdruck unterstreicht. Allegro und Minuetto entfalteten kulinarisch süffige Töne. Zwischen ihm und herausragenden Persönlichkeiten des späteren 20. Jahrhunderts stand Richard Strauss. Seine sinfonische Dichtung „Till Eulenspiegel“ war eigentlich für monumentales Orchester gedacht, doch Franz Hasenöhrl destillierte daraus 1954 eine Kammerversion, legte dergestalt den Kern der Partitur frei. Ohne die Wucht des riesigen Apparats wirkt das Thema komprimierter, dramatischer, erhalten die volkstümlichen Elemente mehr Bedeutung. Das Quintett erwies sich in Bestform, spazierte temperamentvoll durch den delikaten Parcours.

Auf den Spuren von Strawinsky

Alfred Schnittke (1934-1998) fällt häufig durch pulsierende, manchmal an Schostakowitsch erinnernde Rhythmik auf. In seinem Hymnus II für Violoncello und Kontrabass nimmt er Spuren von Strawinsky auf, bleibt im Duktus zurückhaltend. Langsames Tempo, dunkel verwaschene, schnarrende Töne eröffnen den Raum, ein klagendes Thema wird von Bass-Schlägen flankiert, das sich in einem Pizzicato verflüchtigt. Genauso überraschend ist das Klarinetten-Solo von Karlheinz Stockhausen (1928-2007), das ohne die bei ihm obligatorische elektronische Erweiterung auskommt. Nur das Instrument bringt wechselnde Aggregatzustände einer Beziehung famos auf den Punkt: „In Freundschaft“ heißt sein Werk, das Nicola Jürgensen grandios umsetzte.

Die Musik erreichte Adressaten, beflügelte Interpret*innen

Schließlich zweimal Jörg Widmann. Der 1973 geborene Komponist zählt aktuell zu den kreativsten und meistgespielten Künstlern. Seine Duos für Violine und Violoncello sowie das Menuetto aus dem Oktett sind Miniaturen, bestechen durch präzise Stimmungsbilder, packende Dynamik, Motive als Zitate und enge Verzahnung der Instrumente. Sein Oktett versteht Widmann als intensive Reflexion über Schuberts Klangkosmos.

Damit schloss sich der Kreis. Schubert war wieder spürbar. Ein Geniestreich, vom Publikum mit langem Applaus quittiert. Sie funktionierten also, diese Festspiele unter Corona-Bedingungen. Die Musik erreichte Adressaten, beflügelte Interpret*innen. Im nächsten Jahr geht es hoffentlich ohne Beschränkungen in die 77. Ausgabe.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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