Sonntag , 4. Dezember 2022
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Auch die Fußball-Schiedsrichter stehen in den Strartlöchern zur neuen Saison. Oliver Vogt spricht über ihre Situation.
Oliver Vogt, stellvertretender Schiedsrichterchef im Fußball-Kreis Heide-Wendland, spricht über die Situation der Referees. Foto: lüb

Vogt: „Müssen wieder mehr auf Respekt achten“

Es geht endlich wieder los: An diesem Wochenende startet die neue Fußballsaison – nach fast zehn Monaten Corona-Pause. Auch für die Schiedsrichter geht eine lange Zwangspause zu Ende.  Oliver Vogt, stellvertretender Schiedsrichter-Chef im Heide-Wendland-Kreis, spricht im Interview mit LZ-Autor Frank Lübberstedt über die nicht einfache Situation bei den Unparteiischen. 

Herr Vogt, wie ist die Lage bei unseren Schiedsrichtern vor dem Saisonstart?

Oliver Vogt: Wir gehen davon aus, dass alle Kollegen dabeigeblieben sind, und auch die Neulinge, die inzwischen ausgebildet wurden, aber noch kein einziges Spiel hatten, sich mit Eifer auf die ersten Spiele stürzen. Ob sich die jährliche Fluktuation an Zu- und Abgängen durch Corona verändert hat, werden wir erst in den nächsten Wochen sehen. Vielleicht hat manch einer auch gemerkt, dass es sonntags auf dem Sofa erholsamer ist, als sich auf dem Sportplatz kritisieren zu lassen. Aber dem fehlt vielleicht dadurch das Taschengeld... In den letzten Monaten waren uns ja auch Präsenzveranstaltungen verboten, so haben unsere Lehrwarte einige Online-Schulungen per Videokonferenz angeboten, die insgesamt auch gut angenommen wurden.

Der Fußballkreis Heide-Wendland hat fast 400 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Klingt ja erstmal viel...

Die Zahl ist bei Weitem nicht das, was wir eigentlich bräuchten. An Wochenenden mit komplettem Spielbetrieb benötigen wir weit über 300 Schiedsrichter. Wenn man bedenkt, dass es immer Kollegen gibt, die sich für das Wochenende aus beruflichen oder privaten Gründen abmelden müssen, wird es schon eng. Zum Glück haben wir noch Kollegen, die an einem Wochenende mehrere Spiele pfeifen. Man muss ja auch bedenken, dass nicht jeder Schiri die Qualifikation für jede Liga besitzt. Nachwuchsschiris sind bei Ü40-Spielen nicht gut aufgehoben. Dann ist zu berücksichtigen, dass es unglücklich wäre, einen Unparteiischen aus Artlenburg nach Suderburg zu schicken. Hut ab vor den Schiedsrichteransetzern, die einen schweren Job haben.

Vereine, die zu wenig Schiedsrichter stellen, müssen Strafen zahlen – gemessen an der Zahl ihrer Mannschaften. Was bringt das?

Zwang oder Strafe ist nie gut. Als Anreiz statten einige Vereine ihre Schiris mit der entsprechenden Ausrüstung aus. Die ist nicht preiswert und kein Sponsor übernimmt das, wir dürfen ja keine Werbung tragen. Dazu kommen eventuelle Strafen, weil ein Schiri sich zu spät bei den Ansetzern abmeldet, vielleicht gar nicht zum Spiel antritt – das sind zum Glück nur Einzelfälle – oder im DFBnet den Spielbericht zu spät ausfüllt. Da zahlen manche Vereine lieber die Strafen für zu wenig Schiris, als sich um mehr Schiedsrichter zu kümmern. Aber es ist auch so schwierig, so viele Schiris zu finden. Bei der SV Eintracht haben wir inzwischen über 20 Mannschaften, die auf das Schiedsrichter-Soll angerechnet werden. Wir haben einen ganz guten Ruf, aber da weiß ich trotzdem nicht, wo wir so viele Schiris hernehmen sollen. Könnte sein, dass wir zum ersten Mal seit Jahrzehnten Strafen zahlen müssen. Aus der Sicht des Vereins-Schiri-Obmannes sehe ich den DFB in der Pflicht, uns nicht nur mit Downloads bunter Plakate für die Schiedsrichterwerbung zu unterstützen – die man im Übrigen auch noch selber ausdrucken darf –, sondern mit konkreten Hilfen in Form von kompletten Schiedsrichterausstattungen, um die Vereine zu entlasten. Wir müssen überzeugen, dass es Spaß macht, dieses Ehrenamt zu übernehmen. Das gelingt aber nur im Zusammenspiel mit Vereinen, Trainern, Spielern und Zuschauern.

Wie lautet Ihr Appell für mehr Fairness?

Wir müssen auf den Sportplätzen wieder mehr auf Respekt achten ­– von allen Seiten. Das ist aber ein gesellschaftliches Problem. Im Zeitalter der anonymen Social Medias wissen viele nicht mehr, was Respekt vor der Leistung anderer bedeutet. Meckern, beschweren, „haten“ ist groß in Mode. Natürlich sind wir Schiedsrichter nicht fehlerfrei, aber hat sich ein Schiedsrichter schon mal lautstark beschwert, wenn ein Spieler weit am Tor vorbeigeschossen hat? Wir sind alle in einem Boot, weil wir Fußballer sind und jeder seine Aufgabe hat, die er so gut wie möglich erfüllen möchte. Wir Schiedsrichter möchten eigentlich nur unauffällig dazugehören.

Am letzten Wochenende startete der erste Lehrgang für Schiedsrichter-Anwärter. Wie war die Beteiligung?

Rund 20 Interessierte waren da, davon wie üblich wenig Ältere und viele Jugendliche. Der Kreisschiedsrichterausschuss wird den Neulingen nach bestandener Prüfung erfahrene Coaches zur Seite stellen, damit sie sich unter „Expertenaufsicht“ in ihre neue Aufgabe einarbeiten können. Dadurch wird die Integration erleichtert und die Freude auf dieses Ehrenamt gesteigert. Es ist immer schwerer, neue Schiedsrichter zu rekrutieren als aktive Unparteiische zu halten. Da sehe ich auch die Vereine in der Pflicht, sich um ihre eigenen Schiedsrichter zu kümmern.

Die wichtigste Regeländerung zur neuen Saison betrifft das Handspiel – ein leidiges Thema der vergangenen Jahre. Ob beim Handspiel eine Absicht vorliegt, wird nun wieder das entscheidende Kriterium bei der Beurteilung. Begrüßen Sie das?

Ja, das war wirklich höchste Zeit, diese ewigen Handspiel-Diskussionen zumindest abzuschwächen. Diese Regel musste dringend wieder vereinfacht werden, was hoffentlich gelungen ist. Aber der Zuruf „Haaaaaand“ wird trotzdem nicht verschwinden...

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