Dienstag , 6. Dezember 2022
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Niklas Liepe hat die Goldberg-Variationen, eigentlich komponiert für Cembalo, für die Geige arrangieren lassen. (Foto: Kaupo Kikkas)
Niklas Liepe hat die Goldberg-Variationen, eigentlich komponiert für Cembalo, für die Geige arrangieren lassen. (Foto: Kaupo Kikkas)

Meisterwerk mit 30 Veränderungen

Am Sonntag spielt der Hamburger Violinist Niklas Liepe die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach im Kulturforum Gut Wienebüttel, begleitet von der jungen norddeutschen philharmonie. Das Barockwerk war ursprünglich für Cembalo bestimmt, nun wurde es – in einigen Teilen – für große Besetzung neu arrangiert.

Lüneburg. Die Goldberg-Variationen gehören zu den bekanntesten Kompositionen von Johann Sebastian Bach. Einem vorangestellten Thema folgen 30 Stücke, die sich alle auf die 32-taktige Basslinie der einleitenden Aria beziehen – ein Meisterwerk der barocken Variationskunst. Was ursprünglich für Cembalo geschrieben wurde, hat der Hamburger Violinist Niklas Liepe neu arrangieren lassen. Er spielt die Fugen, Inventionen und Kanons, begleitet von der jungen norddeutschen philharmonie, am Sonntag, 5. September, im Kulturforum Gut Wienebüttel – ein Konzert im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage. Kirsten Karg ließ sich von Niklas Liepe die Motive und Hintergründe für die „#GoldbergReflections“ erklären. Sie werden abgerundet durch Kompositionen, die eigens für das Projekt geschaffen wurden. Dazu kommen Werke unter anderem von Toru Takemitsu, Arvo Pärt und Uri Caine.

Was bedeuten Ihnen die Goldberg-Variationen?

Meine Eltern hatten früher eine riesige Schallplattensammlung, darin habe ich auch diese Platte gefunden und das Stück das erste Mal mit sechs, sieben Jahren gehört – also in wirklich sehr jungem Alter. Mein Bruder ist ja Pianist, deswegen hatten wir dazu auch immer einen starken Bezug. Ich liebe es einfach auch, Musik, die man extrem gut kennt, klanglich anders darzustellen. Schon immer hatte ich im Hinterkopf, die Goldberg-Variationen einmal, wenn ich die Möglichkeit dazu habe, für Geige zu bearbeiten, umzuschreiben und zu ergänzen. So ist eigentlich der Ursprung entstanden. Das Beeindruckende ist ja, dass einen dieses einfache Aria-Thema der Goldberg-Variationen so stark berührt, man ist jedes Mal emotional völlig drinnen in dieser Musik. Und das macht dann eigentlich auch diesen ganzen Zyklus aus.

Was steckt hinter der Idee zu diesem Projekt?

So ein Projekt – das war auch schon bei meinem Paganini-Projekt so – kostet wahnsinnig viel Zeit. Denn man muss sich immer überlegen: Wie kann man gewährleisten, dass man diese im Grunde genommen unantastbare Musik nicht falsch bearbeitet. Man muss wahnsinnig aufpassen, dass es nicht zu einfach, zu kitschig wird.

Durch das Paganini-Projekt hatte ich bereits einen großen Pool an Komponistinnen und Komponisten aufgebaut, die sich damit auskennen. Ich kannte die Klangfarben einiger Leute und wusste, wer dazu passen würde; Andreas Tarkmann war wieder dabei, der sich so ein bisschen als „Klassensprecher“ der Komponisten gefühlt und das Projekt koordiniert hat. Ich bin zwar Musiker, brauche aber immer noch jemanden, der mich in der Komponistenfrage berät. Wir haben dann eine Liste gemacht, wer dabei sein könnte und welche historischen Variationen man überhaupt bearbeiten kann – auch für diese Besetzung. Die Besetzung mit Geige solo und kleinem Streichorchester haben wir bewusst gewählt, damit man das dann auch etwas flexibler auf die Bühne bringen kann.

Für die Komponisten haben wir ein paar – recht flexible – Spielregeln aufgestellt: Uns war wichtig, dass das prägnante Thema der Goldberg-Variationen gut zu erkennen ist. Alle haben sich daran gehalten, bis auf Konstantia Gourzi: Sie hat als Ansatz das Schlaflied-Thema benutzt und daraus drei Lullabies geschrieben.

Was erwartet die Zuhörer konkret bei den Reflections?

Es ist eigentlich eine Zeitreise durch musikalische Stilistiken und Klangwelten. Das Stück von Daniel Sundy beispielsweise, der von Hause aus Kontrabassist ist, trägt durchaus Heavy Metal-Anklänge in sich, die Geige hat da z.B. leichte E-Gitarren-Sounds zwischendurch... Wolf Kerschek, der ja aus dem Jazz-Bereich kommt, hat dann wiederum einen jazzigen Walking Bass, zum Schluss sogar „Cinema Paradiso“-Stilistiken eingebaut. Dann haben wir Stephan Konz mit GoldBergHain, das ist eine sehr rhythmische, clubatmosphärische Variation. Dabei ist aber auch Sydney Corbett, der aus der zeitgenössischen Musik kommt, der quasi für 18 Solostreicher komponiert hat, sich dabei auch ein bisschen an Strauss anlehnt. „Last Summer“ von Andreas Tarkmann ist richtige Filmmusik – aber eben alles mit diesem extrem hohen Anspruch, der sich an J.S. Bach messen lassen muss.

Die junge norddeutsche philharmonie bettet die „Reflections“ in ein zweiteiliges Ritual zwischen Wachen und Schlafen, Tag und Nacht ein. Der eine Teil des Konzerts wird im Freien gespielt, der andere drinnen. Das Konzert beginnt am Sonntag um 18 Uhr, es gibt noch Karten.

Übrigens: Der Legende nach schrieb Bach seine „30 Veränderungen“ für einen unter Schlaflosigkeit leidenden Reichsgrafen Hermann Carl von Keyserlingk. Der Cembalist Johann Gottlieb Goldberg sollte dem edlen Herrn in unruhigen Stunden daraus vorspielen. Allerdings sind Zweifel angebracht: Die gedruckte Fassung der Variationen enthält keine Widmung für Keyserlingk – und außerdem war Goldberg erst 13 Jahre alt und damit kaum in der Lage, das anspruchsvolle Werk umzusetzen.

Von Frank Füllgrabe

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