Samstag , 3. Dezember 2022
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„Kunst ver-rückt Tanz“
Eine spektakuläre Szene mit Irene La Monaca. (Foto: t&w)

„Kunst ver-rückt Tanz“ im T.3

Zur neuen Spielzeit hat Olaf Schmidt mehrere neue Mitglieder in seine Ballettcompagnie integriert. Bei „Kunst ver-rückt Tanz“ hat der Ballettdirektor erneut seiner Truppe die Initiative überlassen.

Lüneburg. Dieser Abend ist unbeschreiblich. Mal unbeschreiblich schön, mal merkwürdig, mal poetisch, mal irritierend und das alles in neun Kapiteln. So viele kleine Szenen und Geschichten haben sich die Mitglieder des Balletts für ihren neuen Abend ausgedacht. 75 Minuten „Kunst ver-rückt Tanz“ öffnen im T.3 des Theaters Lüneburg eine Wundertüte aus Phantasie und Experiment. Es sind die Kontraste, die das jährlich wiederkehrende Konzept reizvoll machen.

Zur neuen Spielzeit hat Olaf Schmidt mehrere neue Mitglieder in seine kleine, feine Ballettcompagnie integriert. Wie sie als Ganzes harmoniert, zeigt sich beim „Nussknacker“ ab 9. Oktober im Großen Haus. Das Grundvertrauen untereinander ist längst da. Das wird bei „Kunst ver-rückt Tanz“ deutlich, dem Abend, an dem der Ballettdirektor seiner Truppe die Initiative überlässt.

Es geht hart los. Im längsten Beitrag des Abends greift Wallace Jones das „Rotkäppchen“-Motiv vom Mädchen auf, das allein in den Wald muss und auf den Wolf stößt. Jones entwickelt ein Szenario von Sadomaso-Hölle mit dem Mann als Raubtier, das Frauen reißt. Das bis in die Musik aufwendig choreographierte Stück dehnt sich in körperlich fordernden Szenen von Exzess, Gewalt und der dunklen Faszination des Abgründigen. Das bleibt nicht frei von Klischees, lässt die Betrachter irritiert zurück.

Die Grenzen des Allltags überwinden

Viele der Beiträge handeln davon, Grenzen des Alltags überwinden, sich in Zonen zwischen Realität und Vision bewegen, sich seiner selbst vergewissern. Dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, wird auch Thema.

Solostücke: Erfrischend, wie vital und dynamisch Sarah Altherr in „Moving Out Of Comfort“ zu Bluesrocktönen vorführt, dass es befreiend sein kann, Alltagsroutinen aufzubrechen. Dem spirituellen Autor Alan Watts folgt Irene La Monaca, wenn sie in sehr präzise formulierter Bewegungssprache ganz bei sich selbst ist. Fließender, geheimnisvoller und ausdrucksstark bewegt sich Claudia Rietschel durch innere Ruhe und Unruhe in ihrem Stück „Nur still, nur still“ zum Sog von Philip-Glass-Klängen.

Zu zweit: Es könnten Szene der Liebe sein, aber in der „Gray Area“ erkunden Júlia Cortés und Hugo Prunet einander umschlingend und lösend die Zeit, in der sich Nacht und Tag treffen. In Sarah Altherrs „No Stings Attached“ umtanzen Rhea Gubler und Samuël Dorn sich in einer Art Fadenspiel – natürlich ohne sich zu verheddern. Und in Claudia Rietschels Choreographie „Herzensmensch“ führen Rhea Gubler und Phong Le Thanh in die Zone zwischen Anziehungskraft und der Angst, sich einzulassen.

Zweimal schließlich bricht sich das Irrationale Bahn. „MONO“ von Samuël Dorn greift Motive des Videospiels „Little Nightmares“ auf, verwendet Filmszenen und schickt Clément Coudry-Herlin, Hugo Prunet und Phong Le Thanh in eine Horror-Episode. „Webmaster“ von Rhea Gubler lässt am Ende mit starken optischen Effekten vier wie körperbemalt wirkende Wesen mit ausgreifender Körpersprache die Bretter, die das Leben bedeuten, übernehmen. Tanz ist ähnlich wie Musik eine Sprache und Kunst, die sich oft der Eindeutigkeit entzieht und der mit Worten nicht beizukommen ist. Das Publikum beklatscht diesen von Lust am Ausprobieren und Klasse der Ausführung beherrschten Abend lange. Zwölf Aufführungen stehen noch an, Karten gibt es nach aktuellem Stand nur noch für den 21. Oktober und 19. Dezember.

Von Hans-Martin Koch

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