Samstag , 3. Dezember 2022
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Nils Nupnau versteht es, durch Mimik und Gestik die Figur des Jürgen Bartsch darzustellen. (Foto: t&w)
Nils Nupnau versteht es, durch Mimik und Gestik die Figur des Jürgen Bartsch darzustellen. (Foto: t&w)

Was für ein scheiß Pech

Was muss passieren, dass aus einem Menschen eine Killerbestie wie Jürgen Bartsch wird? Vier kleine Jungs gingen in den 1960er-Jahren auf das Konto des brutalen Triebtäters, der später bei seiner Kastration starb. Einblick in die Gedankenwelt seiner Kindheit lieferten Hunderte Briefe an einen US-Journalisten, Basis eines Theaterstücks, das jetzt in der KulturBäckerei Premiere feierte.

Lüneburg. Warum ein Theaterstück über einen der grausamsten Kindermörder der deutschen Nachkriegsgeschichte, mag sich manch einer fragen beim Blick in das Programm des Thomas-Ney-Theaters. Mit Oliver Reeses Ein-Personen-Stück „Bartsch. Kindermörder“ wagt sich Thomas Ney auf den schmalen Grat zwischen Horror und Schicksal. Soll, muss man diese Bestie zu einer Theaterfigur hochstilisieren? Die Generalprobe am Donnerstagabend in der KulturBäckerei, einen Tag vor der Premiere, zeigt Antworten.

In diesem besonderen Kriminalfall, der zwischen 1961 und 1966 bundesweit als „der Kirmesmörder“ Schlagzeilen machte, zeigte sich der Täter nach seiner Verhaftung und Verurteilung sehr auskunftsfreudig. Als ob er selbst dem Auslöser seiner Gräueltaten auf den Grund gehen wollte. Aus Gesprächsnotizen, Tonbandaufnahmen und rund 400 Briefen an den Journalisten Paul Moor schuf der Dramaturg Oliver Reese einen packenden Monolog, der Einblick in die Psyche des Mörders verschafft. Der erklären will, nicht entschuldigen, was schief gegangen ist, dass dieser Junge zu einer Bestie wurde. 1992 erfolgte in Ulm die Uraufführung. Auch Thomas Ney hat das Stück schon einmal inszeniert, 1998 im Theater Lüneburg. Nun im eigenen Theater.

Feine Mimik und ausdrucksstarke Gestik

Der Lüneburger Schauspieler Nils Nupnau taucht ein in die Gedankenwelt des Jürgen Bartsch. Ob feine Mimik oder kraftvolle Gestik, er versteht es, die Monologe des heranwachsenden Jürgen herauszuarbeiten. Mit dem Rücken zum Publikum stellt er sich vor, erzählt, wie Jürgen schon kurz nach seiner Geburt im Krankenhaus von seiner Mutter im Stich gelassen wurde. In Wirklichkeit jedoch starb seine leibliche Mutter an Tuberkulose, aber das nur nebenbei.

Mit schwungvollem Dreh auf dem roten Podest zeigt er sein Gesicht, steht auf, schildert die Zeit bei den Adoptiveltern. Die behaupten, sie hätten alles für ihn getan, „aber das gilt nur für das Materielle“, bedauert Jürgen. Bis zum Schulanfang kein Kontakt zu anderen Kindern, eingesperrt in einer Kellerwohnung. Zum Sonntagskaffee durfte er an den Tisch, aber „Halt‘s Maul“ hieß es, wenn er sich äußerte. Prügel und Beschimpfungen auf der einen Seite, Betüddeln und Geschenke auf der anderen. Ein Quartett zum Beispiel, aber wozu, er hatte niemanden zum Spielen. Die Mutter putzte von morgens bis abends, der Vater arbeitete im Laden bis in die Nacht. Dennoch glaubte er, dass seine Eltern ihn geliebt haben, „nur, es ist mir nicht gezeigt worden“. Diese Gedanken überraschen, denn sie lassen Empathiefähigkeit des Kindes und die Sehnsucht nach Liebe erkennen.

Die Schulzeit brachte auch keine Besserung, Jürgen wurde schließlich in ein katholisches Internat geschickt. Auch dort nur Stress. Er lernte, dass Wichsen nichts mit Schuhe putzen zu tun hat. Besonders feinfühlig zeigt sich Nupnau bei der Schilderung der Übergriffigkeiten eines Paters und anderen gebieterischen Erfahrungen, lässt immer ein wenig „Ich-will-so-nicht-sein“ durchscheinen.

Blutige Erinnerungen an die Metzgerlehre

Das zeigt auch sein Kindheitstraum, einmal Schlagersänger zu werden. Freddy und später der zwölfjährige Heintje haben es ihm angetan, fast sympathisch lässt Nupnau hier die Figur trällern. Ein Hoffnungsschimmer im Leben des unglücklichen Kindes.

Zur Hochform läuft Nupnau auf, als es um die Phase der Metzgerlehre beim Vater geht. Unglaublich energiegeladen führt er nur mit Bewegung das Töten, Ausweiden und Spalten der Schlachttiere vor und bringt den Zuschauer auf die Spur des Bösen. Bis das Licht ausgeht, Nils Nupnau unerwartet ins Publikum springt, die rote Spielrampe hochklappt und zu einer Höhle, zur Höhle des Grauens, umfunktioniert wird. Vier kleine Jungen erleben hier unendliche Qualen. Das fünfte Opfer kann fliehen, als Jürgen pflichtbewusst nach Hause zum Suppe fassen geht. Zwei Tage später wird er festgenommen. „Das Raubtier“, wie er sich selbst nennt, gesteht alle Taten. Fast mit Tränen in den Augen sieht er zurück: „Was diese Kinder für ein scheiß Pech hatten“, ein unglaublicher Satz aus dem Munde eines Triebtäters. Heintjes „Mama“ entlässt das Publikum nach 80 packenden Minuten in einen Abend, der sicherlich nachhallt. Fazit: Theater kann auch mit dunklen Stoff erhellen.

Weitere Termine: 28. 9., 10. 10., 23. 10. und 24. 10., jeweils um 19.30 Uhr. Karten nur online via www.thomasney.de

Von Dietlinde Terjung

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