Dienstag , 6. Dezember 2022
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Jenny Erpenbeck erzählt vom Zerfall der DDR. (Foto: be)
Jenny Erpenbeck erzählt vom Zerfall der DDR. (Foto: be)

Eine verhängnisvolle Affäre

Es liegen gut 30 Jahre Lebenszeit zwischen Hans und Katharina. Sie stürzen in eine Liebesgeschichte, kletten aneinander, entfremden sich und kommen doch nicht voneinander los. In ihrem Roman „Kairos“ erzählt Jenny Erpenbeck zugleich eine Geschichte der Wendezeit und eine über das Festhaltenwollen an schon Verlorenem.

Lüneburg. Sie ist 19, und er ist Mitte 50. Als sie sich zum ersten Mal lieben, am ersten Tag ihrer Begegnung, hat er das Mozart-Requiem aufgelegt – eine Totenmesse am Beginn einer verhängnisvollen Liebe im Berliner Osten, Mitte der 80er Jahre. In ihrem Roman „Kairos“ führt Jenny Erpenbeck den verheirateten Hans und die junge Katharina parallel zum Zerfall der DDR in eine heillose Verklammerung. Ihre Geschichte über Liebe, Obsession und das Zerbröseln der Ideale stellte die 1967 in Ost-Berlin geborene Autorin jetzt im Glockenhaus vor.

Der Gott der günstigen Gelegenheit

Jenny Erpenbeck ist ein häufiger Gast in Lüneburg, seit 20 Jahren, wie Kerstin Fischer vom Literaturbüro sagt. Erpenbeck las unter anderem 2009 beim Wettbewerb der LiteraTour Nord und gewann den Preis, 2014 kam sie als Heinrich-Heine-Gastdozentin in die Stadt. Jetzt stellte Moderator Jan Ehlert Erpenbeck als eine der spannendsten deutschsprachigen Autorinnen vor und zitierte das Magazin „The New Yorker“, das die Schriftstellerin zur deutschen Hoffnung auf den Nobelpreis erhebt.

Der titelgebende Kairos in Erpenbecks neuem Roman gilt in der griechischen Mythologie als Gott der günstigen Gelegenheit. Sein Kopf ist bis auf eine Locke kahl, woraus sich der Satz ableitet, dass man die Gelegenheit am Schopfe packen muss. Der Begriff „Kairos“ ist über die Zeit mit vielen Bedeutungen aufgeladen worden, der Gott wird auch mit einer Waage gezeigt, die auf einer Rasierklinge balanciert. All das passt auf die Liebe, die zwischen Katharina und Hans entbrennt.

Alter Mann und junge Frau, eigentlich ein ausgedroschenes Motiv. Es geht lange gut mit Hans und Katharina, aber sobald sie ihr eigenes Leben zu finden beginnt, reißt die Kluft zwischen ihren Lebenswelten auf. Der Grat zwischen Liebe und Hass, zwischen Vernunft und Obsession ist längst schmal. Er gibt nichts auf, sie gibt sich auf. Er schlägt sie mit Gürtel und Gerte, sie lässt es über sich ergehen und klammert sich noch an ihn, als er ihr Leben einer totalen Kontrolle unterwirft. Da hatte sie eine kurze Affäre mit einem Mann auf Augenhöhe gehabt.

Diese zunächst schwer aushaltbare Konstellation bekommt zum Glück nichts Schwülstiges, nichts Voyeuerhaftes. Der Ton des Romans behält etwas wohltuend Distanziertes, Konstatierendes. Schon der Prolog, der auf die Geschichte aus zeitlichem Abstand blickt, stellt einen inneren Abstand zum Geschehen her.

Das Private und das Politische im Kontext

Jenny Erpenbeck webt den immer fester gezurrten und zugleich immer brüchigeren Faden der Beziehung in den Lauf der Geschichte ein, das Private steht immer im Kontext zum Politischen. Aus chronologisch parallelen, aber nicht gleichlaufenden Bewegungen gewinnt der Roman seine Qualität, seine Tiefe. „Kairos“ spielt im Milieu von Künstlern, Intellektuellen und Idealisten. Erpenbeck schildert die Atmosphäre der späten und untergehenden DDR aus Sicht der Verlierer, bindet reale Personen und Orte wie das Weinlokal Ganymed ins Fiktive ein. Hans, der Schriftsteller, trifft sich zum Beispiel mit dem Dramatiker Heiner Müller.

„Kairos“ ist ein Roman über das Festhaltenwollen an längst Verlorenem. Hans wird nach der Wende seine Arbeit beim Hörfunk verlieren. Die Verhältnisse ändern sich. „Für ihn endet alles, für sie fängt auch etwas an“, sagt Erpenbeck.

Von Hans-Martin Koch

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