Dienstag , 6. Dezember 2022
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Regisseur Mario Holetzeck an der Stele, die ins Wanken gerät. (Foto: t&w)
Regisseur Mario Holetzeck an der Stele, die ins Wanken gerät. (Foto: t&w)

Wenn die Heimat wankt

Mario Holetzeck, freier Regisseur, hat am Theater Lüneburg ein Stück einstudiert, das in österreichischer Dorfidylle spielt, aber genauso gut in der Lüneburger Heide verortet sein könnte. Es geht um eine Stadt, die eine Abordnung der UNESCO erwartet, weil sie auf den Titel Weltkulturerbe hofft. Leider kippt kurz vorher das Denkmal des Nationaldichters Peter Rosegger plötzlich nach rechts oder nach links – je nach (politischer) Blickrichtung. Die Komödie übersetzt das Schwanken der Gesellschaft in ein steinernes Sinnbild – komödiantisch und sarkastisch.

Lüneburg. Wer ist Peter Rosegger und was steckt dahinter, dass er den Titel eines Bühnenstücks prägt? Das mag sich manch ein Betrachter des aktuellen Theaterplans für Oktober fragen, wenn er auf „Die Neigung des Peter Rosegger“ trifft. Am Sonnabend, 30. Oktober, feiert das Stück des österreichischen Theaterautors Thomas Arzt Premiere im Großen Haus. Die Fäden der Inszenierung hält Mario Holetzeck in der Hand, freier Theaterregisseur.

Dass diese Politsatire Neugier und Interesse weckt, zeigte sich bereits bei der offenen Probe, denn 125 ZuschauerInnen nutzten die Gelegenheit in der vergangenen Woche, um sich ein Bild erstens von der Bühnenarbeit und zweitens vom Inhalt der Aufführung zu machen. Ursprünglich sollte „Die Vögel“ von Wajdi Muawat ins Programm kommen, erinnert sich Holetzeck. Doch eines der Auswahlkriterien bei der Suche nach einem Stoff war – coronabedingt – die Länge eines Stücks. „Es darf nur um die 80 Minuten dauern“, erklärt der Theatermann, damit jeweils zwei Durchgänge pro Abend realisierbar sind. Reizvoll an „Die Neigung des Peter Rosegger“ war auch die Tatsache, dass es in Deutschland noch nie inszeniert wurde, wie Chefdramaturgin Hilke Bultmann herausgefunden hatte. Nun steht also eine doppelte Premiere an – zum einen als deutsche Erstaufführung, zum anderen für Mario Holetzeck, der das erste Mal für das Lüneburger Theater engagiert wurde.

Er schwärmt von der Geschichte, die viele komödiantische, aber auch bitterböse Anteile habe. „Sie regt zum Lachen, aber gleichzeitig auch zum Nachdenken an.“ Dass mit der „Neigung“ keine Vorliebe welcher Art auch immer gemeint ist, sondern das Absacken des Rosegger-Denkmals gemeint ist, erschließt sich bald. Vermutlich ist ein kleines Erdbeben schuld. Dass das Bild des Heimatdichters Rosegger, den in Österreich, insbesondere in der Steiermark, jedes Kind kennt, in Schieflage gerät, zieht ungeahnte Kreise, sowohl auf der linken als auch der rechten Seite, was durchaus politisch gemeint ist.

Rechtsruck in Europa – wie sieht die Zukunft aus?

Plötzlich ist die heile Heimat in Gefahr, droht aus den Fugen zu geraten. Hier gehe es um den Rechtsruck, der insbesondere in Osteuropa zu spüren sei. Thomas Arzt versuche, das Besinnen auf Heimat, als eine Facette des globalen Nationalsozialismus, in die Steiermark zu versetzen und so einen Kosmos im Kleinen abzubilden, erklärt Holetzeck. „Er projiziert das Große auf das Kleine und spiegelt dadurch die aktuelle Lage in Europa wider.“ Damit verbunden seien auch Fragen wie „Was ist Heimat?“, Wieviel nationalsozialistische Vergangenheit verträgt unser Land noch? Den Blick nach vorn gerichtet, geht es um die Gestaltung der Zukunft und um das Vertrauen in die Politik. Auch die Flüchtlingsproblematik wird aufgegriffen. Das Stadtbild verändere sich, seitdem „die da sind“, heißt es. Womöglich sind die Ausländer sogar die Ursache der Probleme rund um das Roseggerstandbild.

Bei der Frage, was für ihn persönlich Heimat bedeute, muss Holetzeck nicht lange überlegen: „Meine Heimat ist die Lausitz, der Spreewald und seine Sagenwelt, dort fühle ich mich wohl.“ Geboren ist er im thüringischen Greiz. Der 58-Jährige hat sich schon auf vielen Feldern ausprobiert, von Schauspiel bis Drehbuchautor, von Produzent bis Dozent an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg zum Beispiel. „Die Aufgabe als Professor in Hamburg hatte mir sehr viel Spaß gemacht, weil ich junge Leute ausgebildet habe. In den zehn Jahren als Schauspieldirektor des Staatstheaters Cottbus aber merkte er, dass ihm das Führen eines Ensembles mit allem, was dazu gehört, sehr liegt, „dass das meine Stärke ist.“ Seit drei Jahren stellt er sich als freier Regisseur immer wieder neuen Herausforderungen, muss sich stets auf neue Menschen einstellen. „Aber meist schon nach einem Tag habe ich sie alle auf meiner Seite“, schwärmt er. Theater sei einfach toll.

Und das sollen auch die ZuschauerInnen spüren und sich auf eine skurile, komische kleine Gemeindewelt freuen, in der sie sich selber wiederfinden können. „Sie werden viel lachen, aber manchmal wird ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben“, verspricht Mario Holetzeck. Besonders der Schluss werde zu einem fulminanten Höhepunkt, aber mehr soll hier nicht verraten werden.

Premiere um 18 Uhr, die 2. Vorstellung entfällt, auch am 4.11. gibt‘s nur eine (20.15 Uhr).

Von Dietlinde Terjung

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