Sonntag , 4. Dezember 2022
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Im Hansa-Theater geht eine neue Saison los - mit dabei auch Akrobatinnen. (Symbolfoto: Adobe Stock)

Die Show soll weitergehen

Akrobaten, Bauchredner und Puppenspieler: Nirgendwo im Norden ist die Welt des Varietés so schön, charmant und faszinierend wie im Hamburger Hansa-Theater. Jetzt trotzt eine neue Saison der Pandemie – wer weiß, wie lang.

Hamburg. Hier ist die Stadt hart. Junge Frauen mit leeren Gesichtern warten auf Freier. In der Hausecke neben der Zockerhalle liegt ein Mensch unter speckigem Schlafsack. In der nächsten hockt ein Mann, vor sich ein Pappbecher für ein paar Passanten-Cent. Bitter! Und dann dieser Kontrast am Steindamm: Das Hansa-Theater leuchtet, Hamburgs schönstes Haus für Akrobaten, Bauchredner und Puppenspieler, für das Staunen, Bangen und Lachen. Die Show muss weitergehen, die neue Saison ist gestartet, die Hansa-Boys spielen – wer weiß, wie lang…

Josephine Baker und die Comedian Harmonists waren zu Gast

Was Rang, Klasse und Glamour hatte, kam seit anno 1894 auf die Hansa-Bühne: Houdini, Hanussen, Josephine Baker, Siegfried & Roy, Clown Grock, die Comedian Harmonists, die Tiller Girls – gute Zeiten! Schlechte Zeiten: 1943 legte eine Bombe das Varieté in Schutt und Asche. Doch schon 1945 lockten wieder „Attraktionen aller Zonen“. Lange lief es gut, doch vor 20 Jahren war erneut Schluss. Das Publikum blieb aus, Pudeldressur war out. Das Haus wurde eingemottet, es blieben Zahlen: 51188 Shows, mehr als 25000 Künstler, mehr als 36 Millionen Besucher.

Das schnuckelige Theater mit seinen kleinen Tischen samt Kellner-Ruftaste wurde nach der Schließung liebevoll gepflegt, als sollte es morgen weitergehen. Keiner wagte es, bis 2009: Thomas Collien und Ulrich Waller vom St. Pauli Theater weckten die „schöne Schlafende“ – mit vollem Erfolg. Live ist eben doch schöner als aller digitaler und vernetflixter Glimmer. 650000 Besucher seit 2009 beweisen es.

Jahrelange Arbeit für wenige Minuten Rampenlicht

Das Varieté ist Ort der sonderbarsten Künste. Jahre feilen Frauen und Männer an Kraft und Koordination – für wenige Minuten im Rampenlicht. Was sie leisten, ist ganz oft sensationell, doch ihre Namen kennt kaum einer. Das sind die Stars 2021/22 im Hansa-Theater:

Breakdance und Akrobatik verbinden höchst rasant die Battle Beasts. Ihre Körper verbiegen die drei Frauen vom Trio Essence zu atemraubenden Skulpturen. Auf immer wackeligerem, steiler aufgetürmtem Untergrund balanciert Vladimir Omelchenko auf dem "Rola Bola"-Brett. Schneller als Augen es verfolgen können, lässt Chu Chuan-Ho Diabolos durch die Luft fliegen, und auch wie sich Frank Wolf mit dem BMX-Rad dreht, ist an Technik und Wahnwitz nicht zu toppen,

Dazwischen stehen poetische Nummern. Tom Noddy verzaubert und verblüfft mit Seifenblasen, Phillip Huber mit Marionetten. Und dann ist da noch Kay Scheffel, ein Typ wie aus dem Heinz-Erhardt-Album. Er ist ein in jeder Hinsicht kolossaler Bauchredner, mal mit Puppen, dann mit dem Publikum – komischer ist es nicht denkbar.

Es gibt nichts Liebenswürdigeres

Muss man das alles gesehen haben? Nein. Aber es gibt nichts Liebenswürdigeres an grauen, nassen Novembertagen und an allen anderen eigentlich auch. Wie stets führen Comedians und Kabarettisten durch den Abend, zur Premiere ist es Schauspieler Peter Jordan. Es übernimmt in den kommenden Wochen mal Dirk Bielefeldt alias Herr Holm, mal Alfons, mal Matthias Deutschmann, der zur Premiere einen Kurzauftritt hat. Und viele mehr. Stargast der Premiere war Roberto Blanco, 84 Jahre alt, Stimmungskanone bei bester Stimme – „ein bisschen Spaß muss sein“… Nur draußen vor der Tür, da friert die Steindamm-Welt weiter. Was für ein Kontrast.

Die zwölfte Collien/Waller-Spielzeit musste kurz vor Schluss wegen der Pandemie abgebrochen werden. Wie lange es die 13. schafft? Geht es gut, bis 24. April.

Von Hans-Martin Koch

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