Sonntag , 4. Dezember 2022
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Jens Rainer Kalkmann spielt den merkwürdigen Onkel.
Jens Rainer Kalkmann spielt den merkwürdigen Onkel. (Foto: t&w)

“Die Geschichte vom kleinen Onkel” in der KulturBäckerei

Ein Theaterstück in neuem Format - "Die Geschichte vom kleinen Onkel" in der Kulturbäckerei überzeugt mit neuen Ausdrucksformen.

Lüneburg. Kultur hört bevorzugt auf den Pulsschlag der Zeit, reflektiert Strömungen und liefert Impulse für Diskurse. „Auch wir suchen neue, spannende Wege, um veränderte Sehgewohnheiten aufzunehmen“, berichtet Thomas Flocken vom Schauspielkollektiv Lüneburg. Gesagt, getan. Das Ensemble möchte vor allem dem Jugendtheater mit anderen Ausdrucksformen und szenischen Aufbereitungen frische Akzente verleihen. „Junge Menschen können sich häufig nur über kurze Strecken auf einen Inhalt konzentrierten, es bedarf insofern optischer Reize, die Aufmerksamkeit erzielen.“ Vor der Probe aufs Exempel luden die lernwilligen Akteure für den erhofften Input Kollegen namhafter Adressen ein: vom Dakh-Theater aus Kiew und dem hoch gerühmten Wuppertaler Tanztheater. Nun gibt es mit der „Geschichte vom kleinen Onkel“ in der Kulturbäckerei das Resultat zu begutachten – ein Märchen für Kinder und Erwachsene mit markanter Botschaft.

Mehr Musik soll in die Produktionen einfließen und choreografische Elemente, im Gegenzug möchte Thomas Flocken die Sprachlast minimieren. „Mit diesem dramaturgischen Ansatz wollen wir Jugendliche für unsere Stücke begeistern“, lautet das Credo des Regisseurs. Vorlage bot das gleichnamige Buch von Barbe Lindgren. Erzählt wird das triste Leben eines älteren Herrn, der trotz intensiver Bemühungen keine Zuneigung findet. Er gilt als wunderlich und sogar als ziemlich dumm. Mitmenschen lachen ihn aus, meiden ihn, und selbst der eitle Vierbeiner kläfft ihn aggressiv an. Dabei ist der Außenseiter eigentlich recht nett und höflich. Irgendwann erwärmt sich ein Hund für den Mann, und beide entwickeln eine enge Freundschaft. Bis ein keckes Mädchen sich einmischt und die Verbindung stört. Eifersucht entsteht, doch am Ende teilen sich beide den Hund als Freund, und plötzlich genießen die Verstoßenen sogar Sympathien ihrer Zeitgenossen.

Verzicht auf lange Dialoge, dafür mehr Musik

Ein Plot, der das Anderssein in den Fokus hievt, Allüren und Machtgelüste, Ausgrenzung und die gefährliche Parteinahme einer Mehrheit. Viel Moral, die aber auf leisen Sohlen spaziert, flankiert durch humorvolle Einsprengsel und Anrührendes. Jens Rainer Kalkmann ist dieser merkwürdige Onkel, der die Welt nicht mehr versteht und um Wahrnehmung buhlt. Als er sie erhält, will er sie allein, muss aber etwas davon abgeben. Jessica Beiton und Kim Tassia Kreipe sind die beiden Hunde mit unterschiedlichem Temperament, Jennifer Tormann spielt das draufgängerische Mädchen mit juveniler Klappe.

Thomas Flocken öffnet in seiner Lesart ungewohnte Räume. Das Stück verzichtet in 90 pausenlosen Minuten auf lange Dialoge. Mal ein Wort, selten ein ganzer Satz. Die wunderbar poetisch durchwobene Handlung gestaltet sich primär aus Mimik und Gesten, folgt den Spuren des traditionellen pantomimischen Theaters. Und dann fließt üppig Musik ein, auch das erinnert an typische Kultur dieser Region. Sie klingt folkloristisch und im Idiom ein bisschen nach Klezmer. Ronja Geburzky (Percussion, Klavier, Gesang), Ulrich Kodjo Wendt (Akkordeon) und Martin Friedenstab (Gitarre, Kontrabass) übernehmen den Part, verleihen der multiprofessionellen Produktion ein unverwechselbares Markenzeichen, aufgepeppt durch die Choreografie von Kim Tassia Kreipe, gipfelnd im Hunde-Duell. Das neue Konzept als erklärter Blick über den Tellerrand beeindruckt. Mit Perspektive auf die prominent besetzten Inspirationen aus Wuppertal und Kiew ist das Ergebnis den Weichenstellungen aus der Ukraine näher als der aus dem Rheinland. Das Premierenpublikum honorierte den Einsatz mit ausdauerndem Applaus.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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