Sonntag , 4. Dezember 2022
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Mila Borchers spielte die Hauptrolle der Momo am Premierentag.
Mila Borchers spielte die Hauptrolle der Momo am Premierentag. (Foto: t&w)

Momo: Und plötzlich steht die Zeit still

"Momo" – wer kennt ihn nicht, diesen Kinder- und Jugendroman von Michael Ende, der 1973 auf den Markt kam und heute immer noch aktuell ist. Das zeigt auch der Untertitel: "Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte". Denn Hetze, Stress, immer verfügbar sein – das sind Phänomene, mit denen heutzutage junge wie alte Menschen zu tun haben. Da ist es schön, wenn eine Momo kommt und die Zeit für Muße und Spaß zurückbringt ...

Lüneburg. Irgendwann platzt dieses Mädchen mit dem wirren Lockenkopf in das marodierende Amphitheater einer namenlosen Stadt. Sie erstaunt die Bevölkerung, darf bleiben und freundet sich mit einigen an. Die selbstbewusste Jugendliche kann gut zuhören, sich einfühlen, ermutigen, Brücken bauen. Das macht sie beliebt.

Bald jedoch geraten grau gewandete, Zigarren rauchende, süffisant grinsende Herren in die kleine Idylle, verwirbeln Gemüter und gaukeln den Menschen das Konzept einer Zeitsparkasse vor. In Wirklichkeit klauen sie ihnen genau diese. Sie schaffen Unfrieden, Konkurrenz, Tristesse. Doch am Ende kann sich die kleine Heldin durchsetzen und gewinnt die Herzen ihrer Umwelt zurück. Die Eindringlinge bleiben auf der Strecke.

Sieben Millionen verkaufte Exemplare

Ein Stück mit reichlich Moral, aber sehr fantasievoll verpackt: „Momo“, von Michael Ende 1973 als philosophisch durchwehte Kapitalismus-Kritik geschrieben und seither ein Bestseller. Jetzt brachte das Kinderensemble 3 den Hit auf die Bretter des theaters im e.novum und löste große Begeisterung aus.

Kaum ein Roman für ein junges Publikum fand derart anhaltenden Widerhall. Schon ein Jahr nach dem Erscheinen erhielt Michael Ende für sein Werk den deutschen Jugendbuchpreis. Es folgten mehrere Verfilmungen, Hörspiele, ein Ballett, allein drei Opern-Fassungen, eine Musical-Adaption und sogar eine Vertonung als sinfonische Novelle für Blasorchester. Mit sieben Millionen verkaufter Exemplare gehört „Momo“ zu den erfolgreichsten Beiträgen zur Kinderliteratur. Regisseurin Edina Hasselbrink realisierte die Bühnenversion von Vita Huber mit hoch sensiblem Fingerspitzengefühl.

Atmosphäre schaffende Musik

Coronabedingt verknappte das Leitungsteam die Besetzung auf fünf Akteure, die, abgesehen von der Titelfigur, im fast fliegenden Wandel jeweils mehrere Rollen übernehmen mussten. Dafür gibt es gleich drei Gruppen, die „Momo“ im Wechsel präsentieren. In der Premiere beeindruckte Mila Borchers als ebenso kesses wie kluges Mädchen. Hannah Brand und Xenia Schmidt-Jortzig sind in späteren Aufführungen vorgesehen. Paul Richter zurrte als Geschichten erzählender Gigi die Handlung auf flotte Geschwindigkeit, während Lientje Maya Hausschild unter anderem die Liliana verkörperte und Franziska Rahn neben Meister Hora, dem geheimen Zeitwächter, die Nicoletta. Alexander Böttcher gefiel besonders als gemütlicher Straßenkehrer Beppo und extrovertierter Fotograf.

Ulf Manú illustrierte das Geschehen mit einer Atmosphäre schaffenden Musik, Nile Bettinger kreierte ein wandelbares Bühnenbild und Branka Zelenovic steckte das darstellende Quintett in hübsche Kostüme. Edina Hasselbrink platzierte mit beachtlichem Geschick leise, nachdenkliche Momente neben turbulenten Szenen, ließ Raum zum Nachdenken und dreht das Tempo auf, wenn es angemessen ist. Immer wieder gelingen der Regisseurin wunderbare Augenblicke, zum Beispiel in der Schattenspiel-Einlage, beim Foto-Shooting oder im Schlussbild, wenn die Zeit plötzlich stillsteht und dann doch wieder erwacht. Das prächtig aufgelegte Ensemble greift die Impulse famos auf, destilliert aus der Vorlage scharf gezeichnete, manchmal karikaturesk überdrehte Typen. In pausenlosen 75 Minuten fasziniert diese perfekt getimte Inszenierung: Eine tolle Leistung!

Weitere Vorstellungen: Sonnabend, 18. Dez., 16.30 Uhr; Sonntag, 19. Dez., 14 und 16.30 Uhr sowie 13 im Januar 2022.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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