Sonntag , 4. Dezember 2022
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Das Theater Lüneburg.
Die Lage des Theaters Lüneburg ist durch pandemiebedingte Ausfälle besonders angespannt. (Foto: t&w)

Theater Lüneburg: Es geht mal wieder ums Ganze

Tariferhöhungen reißen Löcher in die Etats der Theater in Niedersachsen. Das Land überlässt das Problem den Bühnen, erhöht die laufenden Zuwendungen nicht entsprechend. Auf das Theater Lüneburg kommen jedes Jahr 80 000 Euro Mehrkosten zu, sagt Barbara Beenen, Vorsitzende des Aufsichtsrats. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Barbara Beenen.
Barbara Beenen. (Foto: t&w)

Lüneburg. In dieser Woche laufen in Hannover die Haushaltsberatungen des Landes Niedersachsen. Im Vorweg hatten die kommunalen Theater, das Staatstheater Hannover und freie Theater gefordert, dass vom Land anstehende Tariferhöhungen in die Zuwendungen an die Bühnen in den Haushaltsplan aufgenommen werden. Andernfalls drohen erhebliche bis existenzgefährdende finanzielle Einbußen. Zusätzlich ist die Lage des Theaters durch pandemiebedingte Ausfälle besonders angespannt. "Uns fehlen rund 60 Prozent der sonst zu erwartenden Einnahmen", sagt Intendant Hajo Fouquet, was am Ende 1 bis 1,3 Millionen Euro ausmachen könne. Position zur Situation mit Blick auf Lüneburg bezieht Barbara Beenen. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende des Theaters Lüneburg und sitzt als Nachrückerin seit November für die SPD im Landtag.

Als Aufsichtsratsvorsitzende der Theater Lüneburg GmbH kennen Sie die finanzielle Situation des Hauses. Ist diese so dramatisch, wie es von der Verwaltung des Theaters in den vergangenen Jahren immer dargestellt wurde?

Barbara Beenen: Ja. Das Theater kämpft im Prinzip jedes Jahr darum, zu überleben. Das hat damit zu tun, dass es gut 20 Prozent seiner Ausgaben durch den Ticketverkauf bestreiten kann, sodass etwa 80 Prozent aus Zuschüssen des Landkreises, des Landes und der Hansestadt aufgebracht werden müssen. Diese Zuschüsse reichen jedoch nicht aus, da die jährlichen Tarifsteigerungen für die Beschäftigten jedes Jahr mit circa 80.000 Euro mehr zu Buche schlagen und diese nicht standardmäßig von den Zuschüssen abgedeckt werden. Das heißt, eigentlich müsste der Etat jedes Jahr um 80.000 Euro wachsen, um diese Steigerungen aus dem Lohnerhöhungen aufzufangen. Das tut er aber nicht. Und die Möglichkeit, die Einnahmen aus den Tickets zu steigern, sind extrem begrenzt. Wenn man ein kommunales Theater mit einem vielseitigen Programm machen möchte, das bezahlbare Tickets anbietet, sind wir hier in Lüneburg bei den Ticketpreisen schon an der Obergrenze. Das ist der Unterschied zu den Musical-Theatern in Hamburg, die pro Ticket gut über 100 Euro liegen und ein einziges Stück fünf Jahre oder länger spielen. Das wollen wir hier nicht.

Aktuell ist ein Streit um die Zahlungen für Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst entbrannt. Das Land will sich nach dem Entwurf zum Haushaltsplan nicht an den Kosten beteiligen. Ist das nicht eine krasse Benachteiligung der betroffenen Theater gegenüber anderen Berufsbereichen?

Ja, natürlich. Diese Tarifsteigerungen müssen selbstverständlich von den Zuschussgebern übernommen werden. Es liegt ja nicht im Ermessen des Theaters, wie hoch diese Steigerungen ausfallen. Das Theater hat keinerlei Einfluss darauf.

Sehen Sie eine aus der wirtschaftlichen Situation heraus reale Gefährdung für das Weiterbestehen des Lüneburger Theaters?

Wenn die Tarifsteigerungen weiterhin nicht verstetigt und grundsätzlich durch Zuschüsse gedeckt werden, dann ja.

Mit seinen Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur liegt Niedersachsen im Ländervergleich gerade mal auf Platz 14 von 16. Braucht es da nicht ein Umdenken?

Wir haben in Corona-Zeiten gemerkt, wie wichtig die Kultur für unsere Seele ist, als sie plötzlich nicht mehr da war. Und ich denke, allein das sollte schon zu einem Umdenken führen.

Als SPD-Landtagsabgeordnete verantworten Sie die Position der Landesregierung mit, auch wenn Sie erst im November als Nachrückerin in den Landtag kamen. Sehen Sie in der Sache noch Bewegungsspielraum?

Nicht in diesem Haushalt.

Sie sitzen für die SPD auch im Kreistag Lüneburg. Kann die kommunale Ebene die drohenden Lücken schließen?

Das Lüneburger Theater ist ein kommunales Theater. Der Landkreis ist der Hauptträger. Wenn er dieses Theater als ein sehr wichtiges Element der Lebensqualität von Stadt und Landkreis erhalten möchte, wird er es adäquat unterstützen müssen. Das Theater arbeitet – auch im Verhältnis zu anderen Theatern – extrem profitabel, hat einen hohen Anteil an eigenen Einnahmen durch den Ticketverkauf und ein treues Publikum, das bis nach Hamburg reicht. Das ist für ein Theater einer Kleinstadt eine enorme Leistung – und es sollte auch gewürdigt werden.

Ich würde gerne noch etwas zur Situation des Theaters mit Corona hinzufügen: Das Theater hat diese extrem schwierige Situation mit unklaren Bestimmungen, Angst vor Infektionen, und die immer wiederkehrenden unerwarteten Lockdowns bravourös gemeistert. Die Geschäftsführung hat es geschafft, ein überzeugendes Hygiene-Konzept umzusetzen, den Spielplan sehr kurzfristig Corona-gerecht zu gestalten, die Stücke extrem zu verkürzen und die Mitarbeiter bei der Stange zu halten. Ich möchte mich ausdrücklich bei allen Mitarbeitenden des Theaters bedanken, dass sie diese schwere Zeit so bereitwillig mitgetragen haben. Es ist leider immer noch nicht vorbei, aber ich denke, wir schaffen den Rest.

Von Hans-Martin Koch

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