Samstag , 3. Dezember 2022
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"Bluthochzeit" - Ballett-Premiere im Theater. (Foto: Jochen Quast)
"Bluthochzeit" - Ballett-Premiere im Theater. (Foto: Jochen Quast)

An den Mauern des Schweigens

Spaniens bedeutendster Dichter des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland wenig präsent. An Federico Garcia Lorca (1898-1936) erinnert jetzt Olaf Schmidts neues Ballett „Bluthochzeit“ im Theater Lüneburg. Wer in Granada nicht nur auf den Alhambra-Baukomplex schaut, kann dort auch den Dichter entdecken.

Granada. Der Dichter sitzt an seinem Stammplatz im Café Alameda. Federico Garcia Lorca scheint auf seine Freunde zu warten, Literaten und Musiker wie Manuel de Falla, Andrés Segovia und Arthur Rubinstein waren zu Gast. Hier an der Plaza de Campillo mitten in Granada hatten die jungen Künstler vor gut hundert Jahren ihr Zentrum. Hier trug Lorca, heute der meistgelesene und meistübersetzte Autor Spaniens, seine ersten Gedichte vor. In Bronze gegossen sitzt er noch heute dort, auch wenn das Lokal längst Chikito heißt. Wenig ist von Lorca, der rund um Granada allgegenwärtig ist, im Deutschen berühmt. Zu den Ausnahmen zählt seine lyrische Tragödie „Bluthochzeit“, sie bekommt im Theater Lüneburg jetzt eine Tanzversion.

Der Dichter lebte gegen alle Konventionen

„Bluthochzeit“ wird mit „Yerma“ und „Bernarda Albas Haus“ oft als Lorcas Bauerntrilogie bezeichnet. Das sind die Werke, die in der Welt bestehen bleiben. Inspiriert sind sie vom ländlichen Milieu Andalusiens, in dem Lorca aufwuchs. Die Häuser, in denen die Familie des Dichters lebte, sind heute Pilgerstätten. Es ist ein fruchtbares, doch im Sommer sonnenverbranntes Land mit Dörfern, die zu dösen scheinen, wenige Kilometer weg vom Getöse Granadas. Es ist geradezu greifbar, wie stark hier Traditionen im Guten wie im Schlechten regierten.

Ein großes Wandgemälde weist auf das Haus im Dorf Fuente Vaqueros hin, in dem der Dichter 1898 zur Welt kam. Innen führt das Haus die Lebenswelt des Jungen vor, der in einer wohlhabenden, vergleichsweise liberalen Familie aufwuchs, die 1909 nach Granada ging. Selbst das Vorbild zu „Bernarda Albas Haus“ im nah von Fuente Vaqueros gelegenen Dorf Valderrubio dient heute als Museum. Mit Filmsequenzen wird in den engen Räumen die Frauentragödie mit ihrer unerbittlichen moralischen Rigorosität abgebildet. Spürbar wird, was Lorca-Biograph David Johnston so beschreibt: „Der Aufschrei einer Menschheit, die gegen die aufgezwungene Mauer aus Ordnung und Schweigen anrennt, ist ein immer wiederkehrendes Bild in Lorcas Werk“.

Federico Garcia Lorca lebte gegen die Konvention. Er war links, er war schwul, er war populär, er war provokant. Er hatte die Welt gesehen, hatte als Regisseur die großen Dramen der Klassiker aufs Land getragen. Er spießt in seinen drei großen Tragödien das Fried- und Freudlose auf, das besonders Frauen an einer archaischen, sittenstrengen Moral scheitern lässt. Johnston: „Lorca ist entschlossen, in ein Herz der Finsternis vorzudringen, das ein spezifisches Kennzeichen seiner Kultur und zugleich universell menschlich ist.“

Erst bejubelt, später wurden die Bücher verbrannt

Auch „Bluthochzeit“ spielt in einem andalusischen Dorf in den 1930er-Jahren. Auch hier geht es um Doppelmoral, um das Verheiraten von Frauen aus materiellen Gründen und um aussichtslose Liebe. „Bluthochzeit“, 1933 in Lorcas Madrider Zeit geschrieben, machte den Dichter berühmt und finanziell unabhängig. Wenige Jahre später war das Drama verboten, wurden Lorcas Bücher verbrannt. Er selbst wurde Opfer von Hass und Verschwörungstheorien. 1936 nahm eine nationalistische Franco-Miliz Lorca fest. Wenige Tage später wurde der Dichter in Viznar, 25 KIlometer von seinem Geburtsort entfernt, bestialisch ermordet. Überliefert wird, dass einer seiner Mörder, der Großgrundbesitzer Juan Luis Trescastro, prahlte: „Wir haben ihn in den Graben befördert, und ich habe ihm zwei Kugeln in den Arsch gefeuert, denn er war ja ein Schwuler.“

Irgendwo an einer staubigen öden Straße ist die Leiche Lorcas mit denen anderer Opfer verscharrt worden. Unter Bäumen erinnert eine kleine Gedenkstätte an die Morde. Ein paar Blumen welken an einem Grab-Denkmal, das dem Dichter gewidmet ist.

Als „Märtyrer der Freiheit“ wird Lorca heute in Spanien verehrt. Er scheint allgegenwärtig. Wer Granadas Sommerhitze entkommen will und nicht an die von Massen überfüllte Küste reist, kann in die Alpujarras fahren, einem Höhenzug im Süden der Sierra Nevada. Als „Land im Nirgendwo“ schätzte Lorca den Landstrich mit seinen idyllischen Dörfern wie dem maurisch geprägten Pampaneira. Dort stößt der Besucher auf den Paseo Federico Garcia Lorca. Ausblicke in die Weite verbinden sich mit Lorca-Versen, die in die Brüstung des Wegs eingelassen sind – Sätze wie dieser: „Alle die Dinge haben ihre Geheimnisse, die Poesie ist das Geheimnis aller Dinge“.

Von Hans-Martin Koch

Liebe, Tod und Ehre

Olaf Schmidt über sein Lorca-Ballett

Die Matinee, bei der Olaf Schmidt sein Ballett „Bluthochzeit“ vorstellen wollte, wurde abgesagt. Hier nun einige Details zu seinem Konzept.

Schmidt verwebt in seiner mit dem Dramaturgen Boris von Poser erarbeiteten Fassung von „Bluthochzeit“ die drei großen Dramen Lorcas. Die von ihrem Mann unterdrückte Yerma wird auftauchen. Auch Bernarda Alba, die ihre Töchter nicht aus dem Haus lässt. „In dieser Lorca-Familie kämpfen alle voller Hoffnung, Sehnsucht und unbändigem Lebenswillen um die Verwirklichung ihrer Träume. Und je deutlicher man das Muster hinter allen Stücken Lorcas erkennt, desto klarer wird, dass die archaischen Strukturen der beschriebenen Familien bis heute fortwirken“, heißt es im Pressetext des Theaters. Olaf Schmidt wird so zitiert: „Mich fasziniert an den Werken Lorcas, wie kongenial Lyrik, Poesie und Symbolik in den Theaterstücken verwoben werden.“

Musikalisch wird das Ballett vom Konzert- und Flamencogitarristen Max Herzog live begleitet. Dazu erklingen klassische Kompositionen, „entsprechend dem rhythmischen Reichtum der Sprache in Lorcas Werken.“ Die Premiere am 15. Januar war bereits ausverkauft, muss aber aus aktuellem Anlass ausfallen.

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