Sonntag , 4. Dezember 2022
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Sie sei froh, wieder in Lüneburg zu sein, die Stadt habe mit ihrem Werdegang zu tun, sagt Antje Rávik Strubel im Glockenhaus. Im Hintergrund: Moderatorin Martina Sulner.
Sie sei froh, wieder in Lüneburg zu sein, die Stadt habe mit ihrem Werdegang zu tun, sagt Antje Rávik Strubel im Glockenhaus. Im Hintergrund: Moderatorin Martina Sulner. (Foto: t&w)

Antje Rávik Strubel liest im Glockenhaus

Mit dem Deutschen Buchpreis wurde Rávik Strubels Roman „Blaue Frau“ ausgezeichnet. Die Schriftstellerin schreibt über Machtstrukturen und Ohnmacht am Beispiel einer jungen Frau, die nach Folter und Vergewaltigung einen Weg zu sich sucht. Jetzt kam Ante Rávik Strubel ins Lüneburger Glockenhaus.

Lüneburg. Adina, eine junge Frau von 20 Jahren, war der letzte Teenager in einem tschechischen Skidorf. Sala nennt sie ihr Geliebter Leonides in Helsinki, wo sie traumatisiert in einem Plattenbau lebt. Als Nina bezeichnet sie der vermeintliche deutsche Kulturmensch Bengel, der ihren Körper und ihre Seele abgrundtief verletzt hat. Der letzte Mohikaner nennt sie sich selbst, im Chat und im Selbstgespräch. Und dann ist da noch die blaue Frau, nach der Rávik Strubel ihren Roman genannt hat. „Blaue Frau“ erhielt den Deutschen Buchpreis 2021. Strubels Weg führte wiederholt nach Lüneburg, jetzt zu einer Lesung im ausverkauften Glockenhaus.

„Ein Ost-West Roman, ein Europaroman, eine Geschichte über Machtmissbrauch. Die Handlungsstränge sind meisterhaft verflochten, die Darstellung atmosphärisch dicht“, urteilte die Buchpreisjury. Der Roman nimmt Leser, die sich schon auf ihn ein einlassen müssen, mit in eine komplexe Geschichte über politisches und vor allem persönliches Ringen um Gleichgewicht. Strubel baut die Geschichte mit Zeitsprüngen, sie konfrontiert detailliert ausformulierte Passagen mit poetisch geschriebenen, bedeutungsoffenen Einschüben um die blaue Frau.

Lange hat sie an ihrem aktuellen Roman geschrieben

Die zentrale Figur der Adina tauchte schon 2001 in Strubels frühem Roman „Unter Schnee“ auf. „Ich hatte immer das Gefühl, sie kommt da zu kurz“, sagt Strubel im Gespräch mit Moderatorin Martina Sulner. „Ich habe Adina in die Plattenbau-Wohnung in Helsinki, in der ich gerade saß, mitgenommen.“ Das war 2012, Strubel lebte in Helsinki als „Writer in Residence“. Lange hat sie an ihrem aktuellen Roman geschrieben, zeitweise habe sie ihn zur Seite gelegt – „weil ich wütend war“. Wütend durch Recherchen über Machtstrukturen, über die Ausweglosigkeit, einen Rechtsanspruch auf die Unversehrtheit des Körpers durchsetzen zu können. Adina muss Vergewaltigung und Folter durchleiden – bleibt mit ihrer Tragödie nahezu allein, im Dunkel, in Ohnmacht.

Warum aber kommt Adina, die ihr Glück in Berlin suchte, ihr Unglück in der Uckermark fand, nach Helsinki? „Sie geht nach Norden, da ist es dunkel, da sieht sie niemand.“ Dort sucht Adina nach ihrem Trauma ihre Sprache, ihr Leben und tastet sich ein wenig hinein. Sie arbeitet schwarz in einem Hotel, lernt dort den Menschenrechtler und Europapolitiker Leonides kennen und lieben, doch Leonides sieht die Verletzungen der jungen Frau nicht wirklich. Adina prallt in Helsinki auch wieder auf Bengel, ihren herablassenden Peiniger, der öffentlich im Glanz steht, als Kulturförderer für seine Großartigkeit einen Preis erhalten soll.

Nur selten wird am Tempo der Sprache gedreht

Strubel schreibt diese offen auslaufende Geschichte in ruhigem Ton, sie dreht nur selten am Tempo ihrer Sprache. Manche Figuren des Romans grenzen ans Klischeehafte, aber das verliert sich in der Intensität des dicht gewebten Geschehens. Helsinki als Stadt an der Grenze zwischen Ost und West ist gut gewählt als Symbol für einen weiteren Handlungsstrang, in dem es um unterschiedliche Erinnerungskulturen auf dem Kontinent geht.

Wer aber ist nun die titelgebende blaue Frau, die immer wieder in kurzen Einschüben auftaucht? Das wüsste sie auch gern, sagt ihre Erfinderin. Immer wenn sie in Helsinki ans Meer gegangen sei, sei auch die blaue Frau dagewesen. „Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten“, heißt es einmal im Roman. Die nicht greifbare, poetische Figur, „so eine Luftgestalt“, sagt Strubel, sie steht für das Innehalten, für Ruhemomente, für das Reflektieren des eigenen Tuns der Autorin, und sie fügt ins Dunkel des Romans lichte Schneisen.

Bereits 2003 in Lüneburg zu Gast

Rávik Strubel war bereits 2003 in Lüneburg, als Heinrich-Heine-Stipendiatin, noch am Anfang ihres Schreibens stehend. Sie kam 2017 wieder, längst arriviert, als Heine-Gastdozentin. „Da habe ich einen Auszug aus ‚Blaue Frau‘ vor Studierenden gelesen und mit ihnen diskutiert“, sagt die Schriftstellerin. 2020 war sie zuletzt Gast des Literaturbüros, nun als Übersetzerin von Virginia Woolf. Sie sei froh, wieder in Lüneburg zu sein, die Stadt habe mit ihrem Werdegang zu tun, sagt Strubel im Glockenhaus. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Von Hans-Martin Koch

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