Sonntag , 4. Dezember 2022
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Sängerin Sandy Edwards und ihre Band nite club
Sängerin Sandy Edwards wollte nicht nur eindimensional in eine Kamera singen, sondern in Interaktion mit ihrem Publikum sein können. (Foto: Roland Michels)

Ganz viel Publikum vor der Bühne

Konzerte im Streaming-Angebot? In Corona-Zeiten längst alltäglich. Doch die Lüneburger Band Nite Club setzt noch einen drauf: Sie spielt sich nicht nur in die heimischen Wohnzimmer, sondern holt sich ihr Publikum via Technik selbst in die Halle. Heute Abend geht's los.

Lüneburg. Als Sandy Edwards ihr erstes digitales Konzert plante, war der Sängerin eines schnell klar: Sie will nicht nur in eine Kamera singen und niemanden sehen außer den Technikern. „Ich möchte Interaktion. Nichts Eindimensionales“, sagt die Lüneburgerin. Um das auch in Zeiten geschlossener Clubs möglich zu machen, hat die Musikerin gemeinsam mit ihrem Partner und einer Firma für Veranstaltungstechnik ein neues Konzertformat entwickelt: Neben dem digital übertragenen Livekonzert können sich die Zuschauer per Videokonferenz zuschalten. Und „Nite Club“ hat ein Publikum, obwohl niemand vor der Bühne steht.

Johannes Oerding nutzt die Halle als Proberaum

„Wir haben eine Alternative gesucht und gefunden“, erzählt Sandy Edwards. In Kontakt mit der Veranstaltungsfirma Groh-P.A. aus Buchholz ist die Band seit vielen Jahren – Inhaber Jan Grohmann-Falke hatte bereits die Schulkonzerte am Gymnasium Meckelfeld beschallt, wenn Sandy dort als Schülerin sang. Der Betrieb besitzt eine 500 Quadratmeter große Halle, die Künstler wie Johannes Oerding als Proberaum für Hallentourneen nutzten.

Diese Halle ist zu einem Übertragungsort für Livekonzerte der neuen Art geworden. Die Idee hat dem Unternehmen Ende vorigen Jahres sogar einen Preis eingebracht: Groh-P.A. gewann den Wettbewerb „Unternehmergeist“ der Wirtschaftsförderung Landkreis Harburg für innovative Geschäftsideen in der Corona-Pandemie.

Auch für die Lüneburger Band hat sich die Idee bewährt. „Angefangen haben wir mit geschlossenen Firmenveranstaltungen“, sagt Matthias Lutz, Gründer und musikalischer Leiter der Band. So ersetzten Unternehmen ausgefallene Weihnachtsfeiern zum Beispiel durch ein exklusives Streaming-Konzert: Nach der Rede des Vorstands kam die Band dran. „Da waren Mitarbeiter in Asien und der halben Welt dabei“, erzählt Lutz. „Es funktionierte super. Das gab uns den Mut, das erste öffentliche Konzert zu streamen und mit einer Videokonferenz zu koppeln.“

Kostenlos kommt nicht infrage

Etwas mehr als ein Jahr ist das jetzt her. Das Ganze kostenlos zu tun wie viele andere Bands, kam für „Nite Club“ nie infrage. „Wir denken, dass Arbeit einen Wert hat“, so Edwards. „Daher haben wir von Anfang an Tickets verkauft.“ Nach dem Ticketkauf erhalten die Zuschauer nicht nur einen Link zu der Konzertübertragung per Streaming, sondern auch eine Einladung zu einer Videokonferenz über „Zoom“. Viele bauen daher zu Hause zwei Bildschirme auf: einen für das Konzert und einen für die Schalte zu den anderen Leuten. Etwa ein Drittel der regelmäßig 300 bis 500 Zuschauer nutze regelmäßig die Gelegenheit, andere Besucher zu sehen.

„Für uns ist das großartig“, sagt Sandy Edwards. „Die Leute haben Discokugeln in ihren Küchen und tanzen schick angezogen in ihrem Wohnzimmer.“ Über zwei große Fernsehbildschirme kann die Band ihre Zuschauer sehen. „Zuerst war uns nicht ganz klar, ob die Menschen zu Hause verstehen, dass wir sie sehen. Doch es ergibt sich echte Interaktion. Das macht Riesenspaß, ist ein echtes Highlight. Wir haben Lampenfieber, Anspannung und Vorfreude. Es tut unheimlich gut.“

Nach dem Konzert wechseln Sandy Edwards und Matthias Lutz von der Bühne in die Videokonferenz und beantworten die Fragen ihres Publikums. „Auch dieser Austausch ist uns total wichtig“, sagt Matthias Lutz. Es gebe sogar Leute, die sich über die Videokonferenz kennengelernt haben, sich später zufällig in der Innenstadt begegneten und spontan einen Abend zusammen verbrachten – ohne Bildschirm.

Dahinter steckt ein immenser Aufwand

Doch hinter dem Erlebnis für einige hundert Menschen steckt ein immenser Aufwand. Nicht nur die achtköpfige Band studiert für jeden Auftritt ein neues Programm ein. Neun Kameras wollen bedient werden, die Lichtanlage eingestellt, der Ton geregelt, die digitale Übertragung betreut. Neun Techniker plus Aufbauteam sind pro Auftritt im Einsatz. Allein über den Ticketverkauf ist so ein Abend nach Angaben von Edwards und Lutz daher nicht rentabel. „Ohne unsere Sponsoren würde wir Verlust machen“, sagt Edwards.

Das nächste digitale Live-Konzert unter dem Motto „Together again“ geht heute über die Bühne, Beginn: 19 Uhr. Ein Ticket kostet 17,70 Euro, für Familien und Freundeskreise 34,20 Euro.

Von Carolin George

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