Montag , 5. Dezember 2022
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Friedemann Baader, Ulrike Hennecke und Ursula Blancke-Dau bilden den neuen Vorstand des Bundes Bildender Künstler und haben eine Ausstellung aufgebaut, die es nur virtuell zu sehen gibt. (Foto: oc)
Friedemann Baader, Ulrike Hennecke und Ursula Blancke-Dau bilden den neuen Vorstand des Bundes Bildender Künstler und haben eine Ausstellung aufgebaut, die es nur virtuell zu sehen gibt. (Foto: oc)

Bund Bildender Künstler stellt sich neu auf

Der Mensch an den Grenzen seines Selbstverständnisses: Dazu beziehen 13 Künstler Position, auf unterschiedlichste Weise. Ausgangspunkt für die Lüneburger Ausstellung „Die Krone der Schöpfung“ war Corona. Vieles, was der Bund Bildender Künstler nun zeigt, passt erschreckend in die aus den Fugen geratene Weltordnung. Zu sehen ist die Ausstellung nur im Internet.

Lüneburg. Wir wollen über „Die Krone der Schöpfung“ reden und landen bei Putin. Alle Gespräche landen bei Putin und zeigen, dass es mit der Krone der Schöpfung nicht weit her ist. „Die Krone der Schöpfung“ aber, die jetzt aus Sicht von 13 Künstlern im Heinrich-Heine-Haus hängt, zielte bei ihrer Ausschreibung auf Corona und darauf, wie der Mensch durch die Pandemie an die Grenzen seines Selbstverständnisses gedrängt wird. Ein anspruchsvolles Thema hat sich der Bund Bildender Künstler (BBK) da vorgenommen für eine Ausstellung, die jetzt nur deswegen aufgebaut wurde, um Film zu werden. „Die Krone der Schöpfung“ ist ab 10. März online zu sehen. Corona hat die Kunst noch im Schwitzkasten.

Der BBK präsentiert sich in diesem Jahr mit neuem Team in der ersten Reihe und mit neuem Elan. Ulrike Hennecke (Lüneburg), Ursula Blancke-Dau (Neu Darchau) und Friedemann Baader (Haar) bilden den Vorstand. Er hat sich viel vorgenommen. „Wir wollen spürbar werden“, sagt Baader, der von der Fotografie kommt, in der Ausstellung Bewegtbilder zeigt und „Die Krönung der Schöpfung“ fürs Netz in Szene setzt.

Zu den 60 aktuellen neue Mitglieder hinzugewinnen

Spürbar werden. Das heißt zum Beispiel, zu den 60 aktuellen neue Mitglieder hinzugewinnen. Wie Katharina Kühne, 1992 in Lüneburg geboren. Sie schreibt über sich: „Die Gleichzeitigkeit und damit einhergehende Ambivalenz unseres Seins, Denkens, Fühlens bewegt mich, Malereien und Objekte zu schaffen, die Offenheit anbieten und Ruhe und Unruhe zugleich stiften.“ In der Ausstellung zeigt sie „Dance Against The Waves“, ein Bild, in dem schemenhafte Körper Kontakt zu suchen scheinen und doch allein bleiben. Kühne: „Die Pandemie liegt wie eine erdrückende Wassermasse über den Menschen“.

Spürbar werden: Das heißt, neue Orte nutzen und finden, jenseits des – nicht aus dem Blick genommenen – Heine-Hauses. Der erste neue Ort ist das Internet. „Als wir ‚Die Krone der Schöpfung‘ ausschrieben, konnten wir nicht wissen, dass es nun auch wieder anders gehen könnte“, sagt Ulrike Hennecke. Sie hat 126 kleinformatige Porträts von Menschen in selbstgefalteten Papierschachteln gezeichnet und zu einer Collage gefügt. Menschen, die es gab, gibt, die sie kennt. Menschen aus der (Kunst-)Geschichte, alle eher skizziert als präzise. Dazu Rose Ausländers Gedicht „Rückblick“. Auszug: „Schön der Mensch / Wer leugnets / Sein Drang zu schaffen / Menschen zu schaffen / Menschen aus der Welt zu schaffen“.

Spürbar werden: Das heißt, mehr Ausstellungen bieten – „zu relevanteren Themen“, sagt Ursula Blancke-Dau. Themen, die dennoch Offenheit lassen. In Blancke-Daus Beitrag bzw. Installation spiegelt sie das „Ich“. Weiß auf schwarz an der Wand, dazu liegen lose Kacheln mit der Aufschrift „Ich“ am Boden, etwa so wie ein Mosaik und bewegbar. Eine ganze Ich-Ich-Ich-Gesellschaft. Daneben ein leerer Kartenständer mit viel Platz für „Ich“-Karten. Alle Kunst ist auslegbar. Blancke-Dau lässt vieles zu. Zum Beispiel Gedanken an eine Generation, die Nora Bossong in der „Zeit“ beschrieb, eine Generation, für die DJ Bobo lange wichtiger war als Politik.

Spürbar werden heißt auch: sich medial erweitern

Spürbar werden. Das heiße auch, sagt Friedemann Baader, sich medial zu erweitern. Er zeigt – spätestens auf den zweiten Blick – verstörende Video-Installationen. Eine heißt „DYSTOPIA brennt“ und zeigt das Verbrennen einer Zeichnung. Nur rückwärts: von der Asche zur Zeichnung. Baader schreibt: „Es werden die Fratzen des BÖSEN CLOWNS, des BLINDEN SEHERS und des PHANTOMS DER GEWALT sichtbar.“

Spürbar werden: Das heißt, künftig stärker auf andere und aufeinander zugehen. An dieser Ausstellung beteiligt sind außer Genannten die Lüneburger BBK-Mitglieder Kathrin Bick-Müller, Georg Brandt, Werner Gergaut, Michael Heinrich, Claudia Hoffmann, Gudrun Jakubeit, Walter Knolle, Sonja Schumacher und als Gast vom BBK Uelzen Petra Vollmer.

Natürlich ist alle Kunst besser als ihre Abbildung. Es ist sehr schade, dass diese „Krone der Schöpfung“ nicht vor Ort im Heine-Haus zu sehen ist, wo bei Ausstellungen nur das unfassbar laute Knarren der Dielen vom Wahrnehmen, Denken, Sprechen ablenkt. Aber die Inszenierung im Netz kann so oft wie gewünscht angesehen werden. Zu jedem Bild gibt es vertiefenden Text.

Dann ist da noch ein Bild von Sonja Schumacher, es zeigt die Krone der Schöpfung in martialischer Ausprägung. Das Bild heißt „General“: über ordensbehangener Brust ein totenkopfiges Gesicht, kalt und starr der Blick aus schwarz umränderten Augen. Es ist nicht Putin, aber es passt so verdammt in diese grauenvollen Tage.

Der Link zur Ausstellung: www.bbk-lueneburg.de

Von Hans-Martin Koch

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