Donnerstag , 1. Dezember 2022
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Turbulente Szenen: Katharina Abt (Mrs. Dees), Susanne Höhne (Peggy White), Vasiliki Roussi (Meg Dawson) und Vincenz Türpe (Adrian Sanderson). (Foto: Thorsten Wulff)
Turbulente Szenen: Katharina Abt (Mrs. Dees), Susanne Höhne (Peggy White), Vasiliki Roussi (Meg Dawson) und Vincenz Türpe (Adrian Sanderson). (Foto: Thorsten Wulff)

Stings Musical “The Last Ship” in Lübeck

Erstmals in Norddeutschland: „The Last Ship“ von Sting in Lübeck. Die nächsten Aufführungen folgen am 27. März sowie am 9., 14. und 22. April 2022.

Lübeck. Wenn Berufe verschwinden, Betriebe in die Pleite rutschen, ganze Industriezweige sterben und damit die Region, nennen das Experten verharmlosend Strukturwandel. Individuen interessieren hier nicht. Hinter den Prozessen stecken meist kapitalistische Interessen, das Hohelied der Globalisierung oder schlicht Neoliberalismus. Ein komplexes Thema, beileibe ungeeignet für Unterhaltungsformate. Doch Sting, der berühmte Sänger und Komponist, versuchte es trotzdem, nahm autobiografische Spuren auf und gestaltete daraus gemeinsam mit Autor Lorne Campbell ein gehaltvolles, spannendes Musical. „The Last Ship“ heißt der Schwanengesang auf den englischen Werftbau und nach der Koblenzer Erstaufführung 2021 ist das komplexe, vor knapp acht Jahren am Braodway präsentierte Stück nun im Großen Haus des Lübecker Theaters erstmals in Norddeutschland zu sehen: eine Hymne auf Freiheit, Widerstand und Selbstbestimmung, von Wolfgang Adenberg kongenial übersetzt.

Die Zeichen stehen auf Verfall

Für die Familien im nordostenglischen Wallsend stehen die Zeichen in den 70er Jahren auf Verfall. Die Werft soll abgewickelt werden, damit verschwinden Arbeitsplätze, die Stadt droht in den wirtschaftlichen Abgrund zu schliddern. Plötzlich taucht Gideon wieder auf und lernt seine 17-jährige Tochter kennen, von deren Existenz er bis dato nichts wusste. Jenseits des belastenden Kollektivschicksals verblasst das persönliche Drama. Auf allen Ebenen reißt das Vertraute auseinander. Abschiede, Resignation und der Tod von Vorarbeiter Joe verwirbeln den Ort. In dem Durcheinander wachsen Solidarität, Mut und Aufbruchstimmung. Die Menschen lehnen sich gegen die Zertrümmerer des Unternehmens auf, bauen das Riesenschiff bis zum Stapellauf weiter und formulieren ein berührendes Fanal der Hoffnung und Veränderung.

Personen am Wendepunkt

In drei Stunden mischen sich Trauer, Kampfgeist, Romantik, Sentimentalität, ein bißchen Pathos und geballte Abwehr vor dem Hintergrund eines globalen Phänomens. „The Last Ship“ ist eine Geschichte von Verlust und Energie, sie zeigt Personen am Wendepunkt, die aufrecht bleiben und sich nicht schleichender Ohnmacht hingegen. Regisseur Malte C. Lachmann erzählt den Plot schnörkellos, zieht einige Paralleln zur Gegenwart und hätte diesen Aspekt noch ausschärfen können, denn die Problematik hat ihre Brisanz bis heute erhalten.
Die Inszenierung besticht durch großen Aufwand mit einem wandlungsfähigen Bühnenbild von Ramona Rauchach, den authentischen Kostümen von Medea Karnowski und einem satten Sound, den die Combo unter Leitung von Willy Daum formidabel entfacht: Balladen, Tango, Rock und Agit-Prop-Lieder legen dem Musical einen elektrisierten Klangteppich aus. Stings Musik illustriert Gefühle, Träume und Protest.

Hoch präsentes Ensemble

Lachmann arbeitet mit seinem hoch präsenten Ensemble markante Konturen aus der Vorlage. Vasiliki Roussi (Meg), Johannes Merz (Gideon), Katharina Abt (Mrs. Dees), Susanne Höhne (Peggy) und Stephan Schad als Joe beeindrucken besonders stark. „The Last Ship“ ist auch ein Musical über Arbeitnehmer, die sich mit ihrer Tätigkeit und ihrer Heimat identifizieren. Eine Haltung, die heute fast einen Anachronismus darstellt. Das Publikum reagiert euphorisch. Die nächsten Aufführungen folgen am 27. März sowie am 9., 14. und 22. April.

Von Heinz-Jürgen Rickert