Dienstag , 6. Dezember 2022
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"Sein oder Nichtsein" feierte Premiere am Lüneburger Theater und bekam Standing Ovations. Hier Stefanie Schwab, Martin Skoda, Yves Dudziak, Philip Richert, Berna Celebi (und unten: Britta Focht, Beate Weidenhammer).

“Sein oder Nichtsein” im Theater Lüneburg

Es ist Krieg. Es war auch Krieg, als Ernst Lubitsch vor 80 Jahren seinen Film „Sein oder Nichtsein“ drehte. Jetzt läuft die so ernste wie komische Geschichte von der Theatertruppe, die in Warschau Nazis spielt, um den Nazis zu entkommen, im Theater Lüneburg. Zu erleben ist die Kraft des subversiven Lachens.

Lüneburg. Die Kernfrage lautet: Darf man das? Mit dem Entsetzen Scherz treiben? Und das angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine, gegen die Freiheit? Antwort: siehe unten. Oder doch eine hier: „Lachen als Erleichterung, Lachen aber auch als Bewusstwerdung – darum geht es uns mit dem Stück ‚Sein oder Nichtsein‘“, sagt Dramaturgin Hilke Bultmann zur Premiere der bitterschwarzen, bitterernsten und dann wieder pointiert klamaukenden Komödie nach dem berühmten Film von Ernst Lubitsch. Es gehen wohl jedem Besucher des Theaters Lüneburg an diesem Abend eine Menge Gedanken durch den Kopf – und am Ende bekommen die Künstler, die Kunst und die subversive Kraft des Lachens Standing Ovations.

Trotz des Krieges wurde das Stück gespielt

Als das Theater „Sein oder Nichtsein“ auf den Plan setzte, war von Krieg in Europa nichts zu ahnen. Als die Proben beendet waren, galt das noch immer. Durch Corona verschob sich die Premiere der bühnenfertigen Inszenierung, und dann brach Putins mörderischer Krieg aus. Trotzdem spielen? Ja.

Es gibt Parallelen zwischen Theaterstück und Realität. Lubitsch zeigt eine harmlose, mit genretypischen Eitelkeiten ringende Theatertruppe in Warschau, die 1939 eine Hitler-Satire spielen will. Das wird von der Zensur verboten, und einige Windungen weiter geht es für die Theatertruppe nur noch ums Überleben. Von den Nazis bedroht, hocken sie frierend und hungrig in ihrem zerstörten Theater. Mariupol, Charkiw ... sind nicht weit. Die Theaterspieler im Stück können ihr Leben nur mit einer waghalsigen Farce retten, sie müssen den Nazis als bessere Nazis gegenübertreten.

Viele Parallelen zwischen Theaterstück und Wirklichkeit

Noch so eine Art Parallele: Lubitsch, in eine jüdische Familie geboren, der grandiose Komödiant des Films, der in „Sein oder Nichtsein“ den Ernst nicht vergisst. Selenskyi, aus jüdischer Familie stammend und Komiker von Beruf, dem als Präsident der Ukraine alles Lachen abhanden kommen musste.

All so etwas im Hinterkopf ist der Blick auf die Bühne ein beschwerter. Wenn es nicht täuscht, brauchen auch die vielen Akteure etwas Zeit, um sich frei zu spielen. Dann aber rauscht das Stück los mit Tempo, Witz, Sarkasmus und mit Brüchen ins Stille und Verzweifelte. Regisseur Jan Bodinus und Bühnenbildnerin Barbara Bloch werfen in reich ausgestatteten Szenen die Theatermaschine an. Schnelle Schnitte und eine drehende Bühne führen vom Theater ins Gestapo-Hauptquartier und zurück.

Inszenierung ist vielschichtig, lustvoll und hintergründig

Bodinus versteht sich auf das genaue Setzen von Gags wie den „Heil Hitler“-Kaskaden und auf ein Timing, das dem Abend Rhythmus und Tempo gibt. Die Inszenierung ist vielschichtig, lustvoll und hintergründig. Der Regisseur baut ein visuelles Zitat ein zu einem anderen Filmklassiker, zu Chaplins „Großem Diktator“, schon 1940 gedreht, der Hitler in eine Satire-Figur wandelt und zugleich seine natternhafte Gefährlichkeit vorführt.

Auf der Bühne entlarvt Lächerlichkeit den brutalen Gruppenführer Erhardt. Der hopst von Unterhemd bis Sockenhalter halbnackt kindisch auf einem Karusselpferd herum, brüllt im nächsten Moment seinen Sturmführer Schulz herbei, und alsbald schwänzelt er herum um die unter Spionageverdacht stehende Schauspielschönheit Maria Tura.

Herbert Schöberl spielt das auf den Punkt, ebenso die Rolle des immer stiller werdenden Schauspielers Grünberg, der als Jude den Nazis nicht entkommen wird, als einziger der Theatertruppe. Mit auf die Flucht kommt Grünbergs Sohn, dargestellt von Berna Celebi. Sie trägt den Moment, der den Trubel stoppt, mit Worten, die Shakespeare Shylock sagen lässt: „Hat nicht ein Jude Augen…?“

Scharf gezeichnete Typen und Charaktere

Bis hin zu den Statisten als strammgestellte Nazi-Marionetten hat Jan Bodinus mit dem Team scharf gezeichnete Typen und Charaktere geschaffen. Es ist ein Vergnügen, wie Jan-Philip Walter Heinzel in plakativer Komik die Eitelkeit und Eifersucht des Groß-Schauspielers Josef Tura zeigt und dann wieder dessen Mut, ins Zentrum der Gestapo-Hölle vorzustoßen. Stefanie Schwabs Maria Tura posiert genussvoll als Diva à la Hollywood und ist keinem Flirt abgeneigt, was zum Running Gag führt: Immer wenn sich Josef Tura zum Hamlet-Monolog aufplustert, erhebt sich ein junger schmucker Offizier (Yves Dudziak) in Reihe eins: Zeit für einen Garderobenbesuch bei Frau Tura.

Einer aber hat den Abend gerettet. Kurz vor der Premiere übernahm Christoph Vetter die Rolle des Schauspieldirektors Dowasz von Martin Skoda, den familiärer Corona-Alarm zum Pausieren zwang. Es ist Vetter nicht anzumerken, dass er da eine Menge Text bolzen muss, auch Dowasz bekommt seine Portion Eitelkeit verpasst.

„Sein oder Nichtsein“ ist ein Ensemble-Erfolg

Es gibt keine Nebenrollen beim Theater im Theater: Beate Weidenhammer als das Lieben liebende Schauspielerin, Philip Richert als Akteur markiger Worte, Britta Focht als klaglos klagende Garderobiere, Dudziak in zweiter Rolle als Nazi-Spion Silewski, Sascha Littig mal Bürokrat, mal devoter Naziknecht. Unterm Strich ist „Sein oder Nichtsein“ in erster Linie ein Ensemble-Erfolg. Ein richtig guter in richtig schlechter Zeit.

Darf man das? „Trotz allem gerade jetzt“, lautet die Antwort, die Friedrich von Mansberg am Ende des Abends gibt, als Stellvertreter des erkrankten Intendanten Hajo Fouquet. Trotz allem gerade jetzt wird „Sein oder Nichtsein“ wieder am Sonntag, 3. April, um 18 Uhr gespielt.

Von Hans-Martin Koch

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