Sonntag , 4. Dezember 2022
Anzeige
Arthur Illies
Zahlreiche Werke des Künstlers Arthur Illies sind derzeit im Heinrich-Heine-Haus zu sehen.

Arthur Illies: Kunst und Leben lassen sich nicht trennen

Arthur Illies (1870-1952) gehört zu den Künstlern, deren Lebensweg durch die Nazizeit führt. Lange wurde das ausgeblendet. Doch der Blick auf den Hamburger Künstler, der ab 1934 in Lüneburg lebte, ist klarer geworden – und kritischer. Dass Illies aber vor allem in jüngerer Jahren Kunst von hoher Qualität schuf, ist jetzt im Heinrich-Heine-Haus zu sehen.

Lüneburg. Der Blick auf Künstler ändert sich mit zeitlichem Abstand. Das gilt besonders für Künstler, deren Lebensweg durch den Faschismus führte und die sich in ihm verstrickten, mit ihm verbanden. Auf zwei Künstler aus der Region richtet sich in den vergangenen Jahren ein genauer, forschender Blick, auf Arthur Illies (1870-1952) und auf Johann Michael Bossard (1874-1950) mit seinem Tempel im Lüllauer Forst bei Jesteburg. Beide haben kunsthistorisch Bedeutung erlangt, beide sind der Ideologie ihrer Zeit erlegen. Im Heinrich-Heine-Haus sind jetzt bis zum 10. April knapp 100 Illies-Arbeiten unter dem Titel „Schöne Graphik“, vorwiegend aus seinen frühen Jahren, zu sehen.

Von Hamburg nach Ochtmissen

Das Werk von Arthur Illies wird in Lüneburg gepflegt. Dabei ist er Hamburger. Doch schon in den 1920er-Jahren kam er häufig nach Lüneburg, 1925 illustrierte er das Rathaus-Buch des Stadtarchivars und Museumsdirektors Wilhelm Reinecke. 1934 zog Illies nach Ochtmissen, nach seiner trotz Eintritts in die NSDAP vorzeitig erfolgten Pensionierung als Professor an der Kunstgewerbeschule. Ab 1937 bis zu seinem Tod vor 70 Jahren lebte Illies in Lüneburg.

Lange hatten Lüneburger Ausstellungen in den Museen der Stadt die Illies-Vita geschönt. Hans-Christian Schimmelpfennig, Vorstand der 1998 gegründeten Arthur und Georgie Illies Familienstiftung, drehte den Kurs. In seiner Einführung zu der umfangreichen Ausstellung skizzierte er die Entwicklung des Künstlers, der früh Strömungen von Jugendstil und Impressionismus aufnimmt. Nach dem Ersten Weltkrieg begann Illies „mit düsteren religiösen Motiven, mit germanischen Sagenmotiven und mit vielen Zyklen von Stadtansichten. Und dann, als er etwa 65 Jahre alt war, schloss er sich den Nationalsozialisten an.“ Kurz darauf begann seine Lüneburger Zeit.

Stadt-, Hafen- und Naturszenen sowie Porträts

Ging es Illies in der zweiten Hälfte seiner künstlerischen Jahre sehr stark um die Suche nach dem „niederdeutschen Wesen“ mit schweren, dunklen Tönen, so transportieren die vielen im Heine-Haus zu sehenden Graphiken einen primär freundlichen, um nicht zu sagen dekorativen Charakter. Blumen, Hamburger Landschaften, Himmelsstimmungen, Stadtleben, Hafenszenen, Schiffe, Ackerbau, markante Gebäude wie das Hamburger Chilehaus und der Lüneburger Schütting gehören dazu.

Meist sind es Radierungen, manchmal verwendet Illies den Linolschnitt. Er verbindet auch Techniken. Zu sehen sind außerdem Porträts, das bekannte Selbstporträt aus dem Jahr 1919 nimmt einen zentralen Platz in der Ausstellung ein.

In Sütterlin verfasste Schrift zur Nazizeit transkribiert

Die Bilder stammen fast ausschließlich aus der Stiftung, deren Sammlung durch Schenkungen wächst. Schimmelpfennig hebt die vor kurzem gestorbene Anneke Illies, eine Enkelin des Künstlers, und deren Sohn Markus hervor sowie Hans Christian Sienknecht. Die weitgehend chronologisch gehängte Ausstellung ist liebevoll eingerichtet, mit Mobiliar und Tulpensträußen. Auf einem Notebook lässt sich ein Überblick über das gesamte graphische Werk gewinnen. Es steckt enorm viel Arbeit in dieser Übersicht.

Im Mai 1945 schrieb Arthur Illies unter dem Titel „Missbrauchter Glaube“ eine Art Rechtfertigungsschrift. Hans Christian Schimmelpfennig hat das in Sütterlin geschriebene Heft transkribiert. Es liefert denen, die an Illies’ Biographie forschen, eine Fülle Material. Es ist darin von Distanzierungen zu Ausprägungen des Hitler-Faschismus zu lesen, aber auch von der Förderung durch den Gauleiter Otto Telschow und über gute Verdienstmöglichkeiten. Kunst und Leben lassen sich nicht trennen, spätestens dann nicht, wenn sich Künstler willig einspannen lassen. Der Illies, der jetzt im Heine-Haus zu sehen ist, war vom Ideologischen noch weitgehend entfernt.

Die Ausstellung, bei deren Eröffnung der ukrainische Akkordeonist Roman Yuipey spielte, ist täglich von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Zur Finissage am Sonntag, 10. April, um 11 Uhr bietet Heiner Henschke eine Führung zum Thema Drucktechnik bei Illies. Henschke hat selbst Nachdrucke von Illies-Werken angefertigt.

Von Hans-Martin Koch

Diskussionen um den Schöpfer des Kunsttempels

Reden wir über Bossard

Der Kunsttempel, den Johann und Jutta Bossard im Wald bei Jesteburg errichteten, besitzt als expressionistisches Gesamtkunstwerk einen unvergleichlichen Status. Johann Bossard, von 1907 bis 1944 Professor an der Hamburger Kunstgewerbeschule, begann 1911 mit dem Bau. Ab 1926 arbeitete er mit seiner 30 Jahre jüngeren Frau Jutta an der bis ins Detail gestalteten Ausstattung des Komplexes.

Seit 2019, fast 70 Jahre nach seinem Tod, in einem Bodenmosaik des Gebäudes ein Hakenkreuz entdeckt wurde, laufen Debatten über den Umgang mit dem Haus und über die Geisteshaltung des Ehepaars mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus. Die Kunststätte rief eine Reihe „Reden wir über Bossard“ ins Leben, zeigt Ergebnisse in einem Seecontainer und brachte tiefere Forschungen auf den Weg. Jetzt legte Dr. Tobias Hof vom Institut für Zeitgeschichte ein rund 100 Seiten umfassendes Gutachten vor.

„Bossards Position ist ambivalent zu sehen“ heißt es darin. Einerseits stehe Bossard „zweifelsfrei in einer Denktradition und Vorstellungswelt, aus der sich auch der Nationalsozialismus bediente … Auch hoffte er, dass es den Nationalsozialisten gelingen werde das ‚deutsche Volk‘ zu ‚neuer Größe‘ zu führen.“ Andererseits aber sei Bossard kein aktiver Unterstützer der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gewesen.

Hof hat seiner Aussage nach keine Anzeichen dafür gesehen, „dass Bossard den rücksichtslosen Ausbau zur Diktatur noch eine Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, und damit einen der Kernpunkte nationalsozialistischer Ideologie, befürwortete.“ Hofs Arbeit wird als Vorstudie zu weiteren Forschungen bezeichnet.

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.