Samstag , 3. Dezember 2022
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Holly Hyun Choe
Dirigentin Holly Hyun Choe genießt den riesigen Beifall, den sie und das ensemble reflektor für das neue Programm „eclipse“ auslösten. (Foto: be)

ensemble reflektor erinnert an Komponistin Emilie Mayer

Vor sieben Jahren gründete sich das ensemble reflektor in Lüneburg. Seither steigt das junge Orchester zu einem bundesweit gefragten Ensemble auf. Jetzt erinnerten die Musiker bei einem Heimspiel in der Musikschule an die aus dem Musikbewusstsein verschwundene Komponistin Emilie Mayer. Mehr Musik von Frauen folgt.

Lüneburg. Das Datum des Konzerts war ein besonderes. Das aber war den Musikern des ensemble reflektors gar nicht bewusst, als sie ihr „eclipse“-Konzert in der Lüneburger Musikschule terminierten. Tatsächlich gründete sich das junge Orchester exakt an dem Konzerttag vor sieben Jahren in der Musikschule, die nach wie vor ein starkes Stück Heimat für die reflektoren darstellt. Der Abend wäre aber auch ohne Geburtstag ein wunderbarer geworden. Beginnend mit Musik von Mendelssohn und Purcell. Die stehen oft auf Programmen. Zentral aber war die zweite Sinfonie von Emilie Mayer. Emilie wer?

An Komponistinnen erinnern und Musikerinnen fördern

Das ensemble reflektor eilt von Erfolg zu Erfolg, erhält Preise, wird zu Festivals geladen und geht nie auf Nummer sicher. In jüngerer Zeit kümmert sich das ziemlich paritätisch mit Frauen und Männern besetzte Orchester besonders um Komponistinnen. Die sind rar. Ein deutliches Bild für das Geschlechterverhältnis von Männern und Frauen in der Musikgeschichte findet die Violinistin Selma Brauns, Geschäftsführerin des Orchesters: „In klassischen Konzerten wird mehr Musik von Dvorak gespielt als von Frauen.“ Das hat viele historisch bedingte Gründe. Keiner ist gerechtfertigt.

Das ensemble reflektor steuert dagegen. Dazu zählen Kompositionsaufträge für Neues und Ausgrabungen wie die Musik der 1812 im mecklenburgischen Friedland geborenen Emilie Mayer. Sie war immerhin zu Lebzeiten eine anerkannte, prominente Komponistin, wurde als „weiblicher Beethoven“ gefeiert – Frauen als Bezugsgrößen gab es nun mal nicht. Mayer schrieb unter anderem acht Sinfonien. Nach ihrem Tod wurde sie schnell vergessen wie die meisten komponierenden Frauen, manch männliche Komponisten natürlich auch. Erst 2020 wurden die ersten beiden Sinfonien von Emilie Mayer auf CD eingespielt.

Wiener Klassik und Romantik klingen heraus

Es liegt nicht nur, aber besonders an dem so unglaublich frisch, hochklassig präzise und motiviert spielenden Orchester, dass die Sinfonie so farbenreich und dynamisch daherkommt. Wiener Klassik und Romantik klingen aus dem Werk heraus. Mayer gibt Klangfarben und Instrumentengruppen Raum, sie reiht kontrastreich dramatische Effekte, schwenkt mal ins Folkloristische, mal in Sentiment und mal in Ausgelassenheit ab. Es ist, kurz gesagt, eine Menge los in dieser rundum runden Musik.

Die reflektoren spielen so begeistert wie begeisternd, woran ihre Dirigentin Holly Hyun Choe enorme Mitschuld trägt. Sie leitet zugewandt, feinsinnig, modelliert den Sound geradezu plastisch und mit der gleichen Freude wie die Musiker. Es ist ein Vergnügen, ihr bei der Arbeit zuzuhören und zuzusehen. Warum hat sie eigentlich eine Partitur dabei? Sie blättert die Seiten um, aber wirft keinen Blick hinein. Vor allem aber: Sie passt wie angegossen zu den reflektoren.

Leidenschaft und Leistung prägen den Abend

Der Abend begann märchenhaft mit Mendelssohns „Sommernachtstraum“, heiter, verspielt, mit versponnen wispernden Violinen, mit Herzenswärme und untergründigem Drama-Grummeln. Den Wechsel ins Barocke mit Auszügen aus Purcells „Fairy Queen“ meisterte das Orchester stilgerecht. Mit Holly Hyun Choe als Lenkerin blieb der Klang auch in hohem Tempo transparent und schlüssig, wie es eben dann klappt, wenn Leistungsvermögen und Leidenschaft zusammenkommen.

Das Publikum reagierte, als wolle es das Programm noch einmal von vorn hören. Aber es dauert gar nicht so lang, bis die Musiker des ensembles reflektor wieder zu Heimspielen anreisen. Am 19. Juni spielen sie beim Kantatengottesdienst in St. Michaelis. Am 26. Juni präsentieren sie im Audimax der Leuphana unter dem Titel “awake” Werke von Farrenc, Musgrave und Casulana, Vornamen: Louise, Thea, Maddalena.

Weitere Heimspiele von Juni bis Dezember geplant

Weiter geht’s am 10. September mit Beethovens „Missa solemnis“ in St. Johannis. Im Oktober wird es ein Konzert geben, das aus einem jetzt startenden partizipativen Digitalprojekt heraus wächst, gefördert mit Bundes- und Landesmitteln: “Records of an Emerging City“. Mehr? Am 20. November spielt das Orchester beim Brahms-Requiem in St. Michaelis, am 11. Dezember ebendort beim Weihnachtsoratorium.

Und schließlich: „ad astra“. Dahinter verbergen sich digital abrufbare Stücke, die das Orchester mit den Jazzern des Holon Trios aufnahm, zu dem auch der 1991 in Lüneburg geborene Drummer Lukas Akintaya zählt. Dirigentin: Holly Hyun Choe.

Von Hans-Martin Koch

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