Dienstag , 6. Dezember 2022
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Kommentar Ostermärsche

Kommentar: Alte Feindbilder, untaugliche Rezepte

Was tun, um den russischen Eroberungsfeldzug in der Ukraine scheitern zu lassen? Während die einen Panzer liefern, setzten die Ostermarschierer auf die pazifistischen Rezepte der Vergangenheit: "Gegen Krieg und gegen Aufrüstung". Allzu kurzschlüssig gedacht, findet LZ-Kommentator Joachim Zießler. Appeasement habe sich schon einmal als fatal erwiesen.

Sind Ostermarschierer die "fünfte Kolonne Putins", wie FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff schäumt? Oder die einzigen mit kühlem Kopf, während der "globale Wahnsinn der Aufrüstung" um sich greift, wie es beim Lüneburger Ostermarsch hieß? Die Antwort fand sich in den Parolen des Sonnabends.

Die Sicht der Opfer ist der Lackmustest

"Frieden schaffen ohne Waffen": Der fromme Wunsch aus dem Kalten Krieg taugt nicht als Leitlinie im Ukraine-Krieg. Als realitätsnah können nur Überzeugungen gelten, die man auch gegenüber Opfern vertreten könnte. Würde man einer vergewaltigten Ukrainerin sagen, dass man keine Waffen liefern wird, weil diese nur mehr Leid brächten? Wie würde sie es finden, dass in Lüneburg zwar – zu Recht ­– angeprangert wurde, dass geflüchtete Ukrainerinnen und ihre Kinder von Sexualtätern bedroht würden, aber kein Wort zu den Frauen fiel, die von einer enthemmten Soldateska als Beute betrachtet werden?

Alte Feindbilder Nato und USA

"Die Nato ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems": Ukrainer, Polen, Balten und sogar die neutralen Finnen und Schweden sehen dies anders. Zudem: Das voreilige Beitrittsangebot an Georgien und die Ukraine bot Putin einen Anlass, auf Krieg umzuschwenken. Die Ursache liegt aber in seinem völkischen-expansionistischen Plan, ein russisches Imperium zu schaffen. Er orientiert sich an Milosevic, der einst Serbien überall dort wähnte, wo Serben leben.

"Fuck Putin. Fuck Nato. Fuck Patriarchat": Würde man das einer Tochter antworten, deren Vater gefoltert und in einem Brunnen ertränkt wurde?

Die Schlachten der Vergangenheit gegen ihre alten Feindbilder fochten "Antikapitalisten" und "Antiimperialisten" unter den Ostermarschierern aus. Einer wollte nicht nur Putin als Kriegsverbrecher angeklagt sehen, sondern auch Clinton, Bush, Obama und Joschka Fischer. Anderen fällt beim Leid der Ukrainer nur das Leid der Kurden ein.

Lenin und Putin setzen auf nützliche Idioten

Nein, Kollaborateure im Auftrage Putins waren nicht auf der Straße. Aber auch nicht die mit den richtigen Antworten. Sondern "nützliche Idioten", um die Worte Lenins für Menschen zu benutzen, die sich von seinem Propaganda-Nebel dazu verleiten ließen, ihm in die Karten zu spielen. Solche fand auch Putin immer. Etwa Merkel, Schwesig und Steinmeier. Sie setzten weiter auf Appeasement, obwohl in Georgien, Syrien und auf der Krim klar wurde, dass dieser Autokrat kein Zimmer im europäischen Haus anstrebte, sondern es einreißen wollte.

Wer nun im Angesicht dieses Kriegsherren in den Pazifismus flüchtet, spielt ihm in die Karten.

Von Joachim Zießler

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