Samstag , 3. Dezember 2022
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Rhea Gubler und Hugo Prunet in einer Szene des Tanzstücks „Bluthochzeit“. (Foto: Theater)

Bluthochzeit auf Liebe und Tod

Er ist einer der berühmtesten Dichter Spaniens, ermordet von Faschisten: Federico García Lorca. Seiner Trilogie über Frauen, die in starrer Welt nicht frei leben dürfen, widmet Lüneburgs Ballettchef Olaf Schmidt seinen neuen Ballettabend „Bluthochzeit“. Zwei Stunden, die ebenso herausfordern, wie sie faszinieren.

Lüneburg. Ballettchef Olaf Schmidt macht es seinen Fans, seinem Publikum leicht und auch wieder nicht. Es wird begeisternd und packend getanzt in Schmidts neuem Ballett „Bluthochzeit“, zu mitreißender Musik. Wer aber kennt schon das Werk von „Bluthochzeit“-Autor Federico García Lorca wirklich und vor allem wirklich gut? In 32 Kapiteln, verteilt auf rund 100 Minuten, führen Schmidt und Boris von Poser als Dramaturg und Co-Regisseur in Lorcas Welt, durch sein Werk, seine Zeit und sein persönliches Schicksal. Das ist viel Stoff in kurzer Zeit. Doch der Abend funktioniert auch jenseits der verschachtelten inhaltlichen Stränge: als Geschichte von Frauen, die Freiheit suchen, aber in Zwängen erstickt werden, als Stück über Machismo und archaische Welt, Eros und Tod.

„Wir wollen einen breiteren Blick auf Lorca werfen“, sagt Boris von Poser. „Bluthochzeit“, Lorcas lyrische Tragödie aus dem Jahr 1933, setzt den Rahmen mit der Geschichte einer erzwungenen Hochzeit. Das unter Franco verbotene Drama ist Teil einer Trilogie, zu der „Yerma“ und „Bernarda Albas Haus“ gehören; in die Zeit fällt auch „Doña Rosita bleibt ledig“.

Bilder formen einen Himmel über Lorcas Welt

Motive aus diesen Stücken tauchen in Schmidts Ballett auf. Der 1936 von Faschisten als Linker und Homosexueller brutal ermordete Schriftsteller tritt ebenfalls auf und dazu noch eine „Verrückte“, die laut von Poser für „freiheitlichen Geist“ steht. Das ist in seiner Gesamtheit sehr komplex, auf Anhieb kaum aufzudröseln, vielleicht bei einem zweiten, dritten Besuch zu dechiffrieren. Es dürfte lohnen.

Was wichtiger ist: Für das, was diese vielen kleinen Kapitel erzählen, finden Olaf Schmidt, Manuela Müller (Bühne) und Susanne Ellinghaus (Kostüme) Bilder, die sich wie ein Himmel über Lorcas Welt wölben. Zwischen wandhohen kalkweißen Mauern und fernem Licht entwickeln sich Szenen, in denen wiederkehrende Symbole wie Messer und Mond für Gewalt, Leben und Tod stehen. Szenen wie Teile eines Mosaiks: Eine Braut kann geschmückt werden wie eine Madonnenstatue, ein Brautkleid sich wie eine Zwangsjacke um den Körper legen. Männer hindern mit Gewalt Frauen, aus dem Kerker der Konvention auszubrechen.

Von Flamenco bis Breakdance

Olaf Schmidt findet für sein Stück einen fantastischen Formen- und Bewegungsreichtum, um große Gefühle in erstarrten Konventionen spiegeln. Der Choreograph nutzt ein umfassendes Repertoire von Stilen, von Flamenco bis hin zu Breakdance, der wie – mehrfach die Kostüme – herausführt aus den 1930ern in die Gegenwart.

Zu erleben sind bis ins Artistische choreographierte Ensembles über das Hin- und Hergezerrtwerden, Soli aus Melancholie und Verzweiflung, Duette von Begehren und Abstoßung. Manchmal baut Schmidt ganz auf optischen Reiz wie bei den Frauen, die rote Tücher rhythmisch auf den Boden klatschen.

Flamenco-Gitarrist krönt das Ganze, Ballett mit Hingabe

Schmidt verlangt von seinen Tänzerinnen und Tänzern enorm viel. Wie viel Kraft, Eleganz und Hingabe stecken in dieser kleinen Balletttruppe! Sie bietet nicht zum ersten Mal eine ungeheuer geschlossene Leistung. Namentlich: Sarah Altherr, Júlia Cortés, Rhea Gubler, Irene La Monaca, Claudia Rietschel, Elena Trägler, Clément Coudry-Herlin, Samuël Dorn, Vicent Muñoz Amo, Phong Le Thanh und Hugo Prunet.

Ganz starken Anteil an der Wirkung hat die Musik. Schmidt schöpft sie vor allem aus spanischen Quellen. Großartig ist die Idee, den versierten und blendend spielenden Flamenco-Gitarristen Max Herzog mit Klängen von Schmerz und Leidenschaft wiederholt auf die Bühne zu holen. Und wie passend, Lieder von Chavela Vargas einzubauen, einer wie Lorca Konventionen misstrauenden Sängerin, die mit 91 (!) Jahren ein Album mit Texten des Dichters aufnahm!

So ist ein herausfordernder, poetischer, ästhetisch reicher, künstlerisch fesselnder Abend entstanden. Ballett und Ballettschöpfer werden mit Standing Ovations verabschiedet. Die nächsten Aufführungen finden am 29. und 30. April statt. Vor dem Besuch lohnt es, Boris von Posers Einführung auf der Homepage des Theaters zu hören.

Von Hans-Martin Koch

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