Sonntag , 4. Dezember 2022
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Die Oper von Benjamin Britten "Der kleine Schornsteinfeger" feierte Premiere auf der jungen Bühne T.3.
Die Oper von Benjamin Britten "Der kleine Schornsteinfeger" feierte Premiere auf der jungen Bühne T.3. (Foto: t&w)

„Der kleine Schornsteinfeger“ im Theater Lüneburg

Als Appell gegen Kinderarbeit lässt sich Benjamin Brittens 50-Minuten-Oper „Der kleine Schornsteinfeger“ erleben. Im T.3 des Lüneburger Theaters bringen der Kinderchor der Musikschule und Profis das 1949 geschriebene Stück auf die Bühne. Das Stück kann sich gut hören und sehen lassen und beginnt mit dem Jungen Sam, der im Kamin feststeckt.

Lüneburg. Sam ist übel dran. Seine Geschichte geht so: „Ich bin acht Jahre“, stellt er sich dem Publikum vor. Sein Vater hat ihn aus purer Not verkauft. Nun muss Sam im nebligen London Ruß aus Kaminen kratzen, als Kindersklave des Schornsteinfegers Black Bob und dessen Gehilfen Clem. An diesem Tag steckt Sam fest in einem Kamin, kommt allein nicht raus, und das wird seine Rettung. „Der kleine Schornsteinfeger“ hat Benjamin Britten eine Kinderoper genannt, die er 1949 schrieb. Im T.3 des Theaters Lüneburg ist sie jetzt zu erleben.

„Der kleine Schornsteinfeger“ ist Abschluss einer Trilogie unter dem Titel „Let’s Make An Opera“. Brittens Idee: Am besten lässt sich Kindern die hohe Kunst der Oper vermitteln, wenn sie selbst spielen und singen. Gedacht, geschrieben. In zwei Schauspielen geht es um die Geschichte und das Proben. Teil drei kann als kleine Oper allein bestehen, wie jetzt im T.3 bewiesen wird.

Leicht aber macht es Brittens Musik Kindern nicht. Sie lässt sich als gemäßigte Moderne einsortieren, sie ist leidenschaftlich, rhythmisch reich und farbig, aber weit entfernt von der Musikwelt, mit der Kinder – zumindest heute – aufwachsen. Dazu kommt, dass Operngesang selten wirklich gut zu verstehen ist. Das liegt in der Natur der Sache. Trotzdem funktioniert die Inszenierung, das junge Publikum der Premiere folgt Geschichte und Musik über 50 Minuten gebannt.

Die jungen Darsteller gehen begeistert mit

Der Erfolg begründet sich in einem bewundernswerten Team aus Kindern und Profis. Mindestens ebenso in der klugen, vor Fantasie sprühenden, mit kindgerechtem Bilderwitz bereicherten Inszenierung durch Theresa von Halle. Sie findet kreative und anschauliche Bilder und Szenen, mit denen die Musik unmittelbaren Sinn erhält. Die Regisseurin fordert dabeivon den jungen Darstellern viel, und die gehen spürbar begeistert mit – bis hin zu den von Rhea Gubler einstudierten Choreographien.

Im Zentrum des Bühnenbilds (Barbara Bloch) steht ein herrenhausartiger Kamin. Dazu ein paar Möbelstücke, zwei Schaukelpferde – viel mehr braucht es nicht. Die Musik kommt vom Bühnenrand. In Aktion treten vier Streicher, Percussion und vier Hände am Klavier. Zwei gehören Kanako Sekiguchi. Sie hat das Werk mit seiner Raffinesse, Dynamik und Klangfarbigkeit wirkungsvoll einstudiert. Neben ihr hat im Hintergrund Anna Schwemmer als “Vocal Coach“ die Mädchen des Musikschul-Kinderchors motiviert und auf große Taten vorbereitet. Ein Junge ist auch dabei, das ist Malte Porada, der den Jungen Sam agil, wendig und mutig spielt und singt. Alternierend übernimmt Enni Wiemann seinen Part.

Das Publikum wird wiederholt einbezogen: Gespannt war dabei sicher Mona Langenbrink, ob es ihr gelingt, das Publikum zum Fingerschnippen zu bewegen. Es klappt locker, so wird es auch bei der Alternativbesetzung Pina Witzig klappen. Eine anspruchsvolle Arie meistert Lotta Wroblewski (alternierend Lara Franzen). Durchweg agieren die jungen Darsteller so, als wären sie schon lange dabei, das gilt auch für Anneke Kramer (alternierend Tamina Hämke-Rojas) und Luisa Rosenbaum (Leah Zachmann).

Eindringlicher Appell für Kinderrechte krönt das Ende

Vier Profis sind auf Sängerseite dabei. Wohl jedem Bühnendarsteller gefallen Schurkenrollen, da lässt sich deftig loslegen. Das genießen Steffen Neutze und Andrea Marchetti als fiese und faule Schornsteinfeger. Franka Kraneis verbündet sich als quirliges Kindermädchen mit den Kindern, die Sam in eine heilere Welt schmuggeln. Kirsten Patt darf dagegen als Haushälterin kräftig rumzicken. Sie alle finden sich nahezu mühelos im Britten-Sound zurecht .

So ist vom Kostüm bis zum Spielen ein bilderbuchmäßiges Stück Oper zu erleben. Am Ende vor dem langen Applaus steht ein dringlicher Appell für Kinderrechte. 160 Millionen Kinder auf der Welt müssen arbeiten, eine deprimierende Zahl. Es gibt im Großen zurzeit nicht viele Gründe, an das Gute im Menschen zu glauben. Im Kleinen findet sich denn doch Ermutigendes, wie die Rettung des „kleinen Schornsteinfegers“. Sam wird demnächst neun, es wird ihm gut gehen.

Von Hans-Martin Koch

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