Dienstag , 6. Dezember 2022
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on links: Friedrich von Mansberg (Chefdramaturg), Thomas Dorsch (Generalmusikdirektor), Hajo Fouquet (Intendant), Hilke Bultmann (Leitende Dramaturgin Schauspiel), Sabine Bahnsen (Leiterin Junge Bühne T.3) und Olaf Schmidt (Ballettdirektor). (Foto: phs)
on links: Friedrich von Mansberg (Chefdramaturg), Thomas Dorsch (Generalmusikdirektor), Hajo Fouquet (Intendant), Hilke Bultmann (Leitende Dramaturgin Schauspiel), Sabine Bahnsen (Leiterin Junge Bühne T.3) und Olaf Schmidt (Ballettdirektor). (Foto: phs)

Neues Theater-Programm: Wer und wo, wenn nicht jetzt?

Das Theater Lüneburg meldet sich zurück. Corona hat die Proben und Aufführungen immer wieder infrage gestellt, jetzt stellte die Führungsriege im Rathausgarten den Spielplan für die nächste Saison vor. Uraufführungen und Premieren stehen im Mittelpunkt, aber eben auch Wiederaufnahmen und Stücke, die eigentlich schon vor zwei Jahren auf die Bühne gebracht erden sollten.

Lüneburg. Fanfare bitte! Händels Feuerwerksmusik erklingt im Garten des Lüneburger Rathauses. Was seinerzeit von König Georg II. als Festmusik zum Feuerwerk anlässlich des Aachener Friedens in Auftrag gegeben und 1749 in London uraufgeführt wurde, diente nun als Eröffnung der Vorstellung des neuen Theater-Programms.. Es spielten natürlich die Lüneburger Symphoniker. Im September soll es wieder losgehen, mit Premieren und Uraufführungen, mit Stücken, die nach ein oder zwei Vorstellungen wegen Corona vertagt werden mussten und solchen, die der Pandemie gleich ganz zum Opfer gefallen sind.

Erster Vorhang für Cinderella

Der erste Vorhang gehört einer Wiederaufnahme, dem Schauspiel „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Dienstag, 30. August, im Jungen Theater (T.3). Der Große Saal wird am Freitag, 16. September aufgeschlossen, für Aschenputtel – Ballettchef Olaf Schmidt choreographiert „Cinderella“, konzipiert als Stück für die ganze Familie. Und am Tag darauf geht es weiter mit Musik im großen Stil, dann dirigiert Thomas Dorsch die Symphoniker durch Verdis Oper „Der Troubadour“. Die erste echte Schauspiel-Premiere gehört dann Tschechows „Drei Schwestern“, sie stehen am Freitag, 23. September, auf der Bühne.

Optimismus ist die erste Künstler-Pflicht. „Ohne das Theater können wir uns die kulturelle Landschaft hier nicht vorstellen“, sagte Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch zur Begrüßung, aber, na klar: „Die wirtschaftliche Situation ist wie immer schwierig“, so Hajo Fouquet. Corona hat das Ganze nicht leichter gemacht, „wir sind äußerst vorsichtig“, betont der Intendant. Dennoch schafft es das Virus immer wieder ins Theater, was Inge Rathkamp, zuständig für die Disposition (Besetzung) im Hause, manchmal eben doch an die Grenzen des Machbaren brachte. „Da flossen auch schon mal Tränen“, so Fouquet, „weil es mit einem Stück wieder einmal nicht klappte“. Und auch der Ukraine-Krieg wirkte nicht gerade motivierend.

Trotz alledem: Das berühmte schöne Märchen vom Aschenputtel, getanzt für Zuschauer ab fünf Jahre, führt natürlich zu einem glücklichen Ende. Dafür hat Olaf Schmidt eine Fülle von Kompositionen für eine eigene Musikcollage ausgewählt. Dann folgt „dickes, fettes Musiktheater“ (Fouquet): „Il trovatore“, der „Troubadour“ gehört nicht unbedingt zu Verdis bekanntesten Opern, wohl aber zu seinen musikalisch dichtesten Werken. Es folgt „Der Sturm“ (ab 29. September) nach Shakespeare in einer Fassung von Gregor Müller und Philipp Richert, mit Band und Orchester, mit Tanz und Schauspiel, darauf ist Hajo Fouquet besonders stolz und auch ein klein wenig unbescheiden: „Das ist die ganz große Qualität, wir kreieren Stücke und neue Formate“.

Superstar Jesus und der Idiot

Musikalisch weitergehen wird es mit dem Format Junges Musical, mit „Spring Awakening“ von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Buch und Liedtexte) sowie Andrew Lloyd Webbers Blockbuster „Jesus Christ Superstar“. Aber auch Schwieriges findet Beachtung, zum Beispiel „Lulu“, die Oper von Alban Berg feiert Premiere am 4. März 2023. Und der große Ballettabend der Saison klingt zunächst einmal wenig vielversprechend: „Der Idiot“. Gemeint ist der Roman von Fjodor Dostojewski um den naiven, gutmütigen Fürsten Myschkin. Zu erwarten sind große Gefühle, russische Seele eben, auch wenn Russland zurzeit vielleicht nicht gerade als Sympathieträger gilt, aber bis zur Premiere am 14. Januar ist ja auch noch ein wenig Zeit.

Und überhaupt: „Wo, wenn nicht jetzt?“, so lautet das Motto der Saison, das klingt ein bisschen nach Prechts Titel „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, er meint: Theater muss reagieren, Stellung beziehen, auch mal unbequem sein. „Haltung zeigen“, sagt Hilke Bultmann, Leitende Schauspiel-Dramaturgin, und verweist auf Ibsens „Hedda Gabler“ . Die allerdings ist wegen ihrer Zerstörungswut und ihren Machtansprüchen keine gute Vorlage für das moderne Leitbild einer starken Frau, oder? Wie heißt es so schön: Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin. Darüber wird ab 29. Oktober zu diskutieren sein.

Von Frank Füllgrabe

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