Samstag , 3. Dezember 2022
Anzeige
Einige der Teilnehmerinnen kamen zur Eröffnung, von links: Louisa Maria Summer, Verena Brüning, Jacobia Dahm, Sophie Kirchner, Kuratorin Miriam Zlobinski, Nura Qureshi und Merve Terzi. (Foto: t&w)
Einige der Teilnehmerinnen kamen zur Eröffnung, von links: Louisa Maria Summer, Verena Brüning, Jacobia Dahm, Sophie Kirchner, Kuratorin Miriam Zlobinski, Nura Qureshi und Merve Terzi. (Foto: t&w)

Ausstellung: Frauen in Zeiten der Pandemie

Corona hat Frauen stärker betroffen als Männer, im Beruflichen wie im Privaten. Wie lässt sich das zeigen, was lässt sich zeigen und was entdecken? 24 Berliner Fotografinnen bieten in der Ausstellung „In Waves“ überraschende Perspektiven und Einsichten – bis Ende Mai auf dem Campus der Leuphana.

Lüneburg. Vor dem Abdruck der Bilder listet das Heft zur Ausstellung auf, was den Anlass bietet. Covid-19, genannt Corona, traf und trifft Frauen stärker als Männer. Frauen hatten höhere Verluste beim Einkommen. Auf ihnen lastete bei Kita-/Schulschließungen weit mehr Betreuungsarbeit. In den besonders belasteten Pflege- und sozialen Berufen beträgt der Frauenanteil mehr als 70 Prozent. Die Polizei registriert mehr Gewalt gegen Frauen. Auf der anderen Seite birgt ein Lockdown auch mal Chancen, sei es ein Runterkommen oder eine neue Orientierung. Von alledem erzählt auf dem Leuphana-Campus die Ausstellung „In Waves – Women in Covid“.

Alltag dokumentieren, Stimmungen einfangen

24 Berliner Fotografinnen stiegen ins Thema ein. Sie haben Porträts aufgenommen, visuelle Reportagen erstellt, sind ins Abstraktere und Poetischere gegangen. Sie machen Verborgenes sichtbar, dokumentieren Alltag und fangen Stimmungen ein. Vor Gebäude 12 auf dem Campus bieten die Bilder in Plakatgröße Einsichten ins Persönliche.

Die Ausstellung sollte ursprünglich in der Innenstadt zu sehen sein. Da aber gab es plötzlich Gegenstimmen – woher auch immer, bei Nachfragen ist‘s niemand gewesen. War und ist aber nicht immerfort die Rede davon, mehr Leben, mehr Kultur in die Innenstadt zu bringen? Darf sie nicht unbequem sein? Zum Diskutieren locken? Mehr Mut tut bzw. täte gut.

Nun also in der Leuphana, sie eigne sich als Ort des Diskutieren besonders gut für die Ausstellung, sagt Dr. Kathrin van Riesen, Gleichstellungsbeauftragte der Universität. Wie Bürgermeisterin Christel John macht sie auf die besonderen Probleme von Frauen, besonders in der Pandemiezeit, aufmerksam.

Mehrere der Berliner Fotografinnen kamen zur Eröffnung. Sie sollen im Folgenden beispielhaft für die „In Waves“-Bandbreite stehen. Analog zum Foto von links nach rechts:

Louisa Marie Summer entschied sich zur eigenen Isolation in den Bergen und hält ihr Erleben fest. Der Blick in die kalte, weiße, imposante Weite; die Hände am Gameboy; die Kaffeetasse vor dem Fenster: Bilder, die für das Erleben eines äußeren und inneren Rückzugs stehen.

Verena Brüning begleitete – mit der zur Eröffnung nicht anwesenden Julia Steinigeweg – Hebammen und Hochschwangere. Porträts selbstbewusster Frauen und nicht minder direkt gezeigte intime Details gehen offensiv mit dem Thema um. Corona-Bezug hin oder her, diese Bilder springen Betrachter über das reine Angucken hinaus an.

Gelassenheit bei den Seniorinnen

Jacobia Dahm besuchte Seniorinnen in einem Wohnstift und stieß auf viel Gelassenheit. Der lange, lange Verzicht auf Sport aber machte den Frauen zu schaffen. Summer zeigt die Rückkehr zur Bewegung. Besonders schön: wie sich zwei Paar Füße im Schwimmbecken aneinanderdrücken.

Sophie Kirchner, in Lüneburg durch ihre Fotoserie „Begrüßungsgeld“ bekannt, zeigt die Situation alleinerziehender Frauen. Fast 85 Prozent aller Alleinerziehenden sind Frauen. Nähe, Erschöpfung, Enge, aber vor allem Liebe sprechen aus den Bildern.

Miriam Zlobinski ist die Kuratorin der Ausstellung. Sie erinnerte bei ihren eröffnenden Worten ans Grundgesetz, Artikel drei, Satz zwei: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Drei Anläufe habe es 1949 gebraucht, um den Satz aufzunehmen. Die Pandemie nun habe das Land um 30 Jahre zurückgeworfen, sagt Zlobinski. Das legitimiert die Ausstellung zusätzlich. Zielrichtung der Ausstellung sei es nicht, einfach zu dokumentieren, sondern der Pandemie etwas entgegenzusetzen. Ob das gelungen ist, entscheidet der Besucher.

Nura Qureshi greift auf, wie der Covid-19-Ursprung in China Vorurteile und Rassismus gegenüber „asiatisch gelesenen Frauen“ verstärkt. Sie zeigt Porträts, die sie wie eine Maskenbildnerin verfremdet.

Inneres und äußeres Chaos in zehn Teilen

Merve Terzi schließlich trägt blaue Farbe auf Selbstporträts auf, gekleckst, gewischt, gestrichen. Das Gesicht bleibt frei, weicht aus, wird übermalt. Ihrem inneren und äußerem Chaos gehe sie mit ihrer zehnteiligen Serie auf die Spur, sagt Terzi.

Neben den Fotos lassen sich per QR-Code Hintergründe zu den Aufnahmen aufs Handy holen. Die Ausstellung, die weitere Stationen in Tallinn und Bremen hat, ist auf dem Campus bis zum 31. Mai zu sehen. Nach Lüneburg geholt wurde sie von der Sparkassenstiftung. Für Kristin Halm, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung, ist „In Waves“ die letzte von ihr betreute Ausstellung. Nach acht Jahren wertvoller Arbeit für Stiftung und Stadt wechselt Kristin Halm nach Hamburg.

Von Hans-Martin Koch

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.