Sonntag , 4. Dezember 2022
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Volkslauf Run for Help
Vier Jahre ist es her, dass letztmals ein Volkslauf durch Lüneburg führte. Sebastian Balmaceda träumt von einem neuen Event in der City. (Foto: t&w)

Geld allein hilft Lüneburger Sport nicht auf die Sprünge

Sebastian Balmaceda möchte mit den Grünen den Sport fördern – und spart auch das Thema Stadionbau nicht aus.

Lüneburg. Kein Verein, keine Partei – „solange ich für eine Zeitung gearbeitet habe, wollte ich nirgendwo Mitglied sein“, betont Sebastian Balmaceda. Inzwischen ist der 55 Jahre alte Lüneburger Inhaber einer Medienagentur und seit November vergangenen Jahres Ratsherr der Grünen. Der ehemalige LZ-Sport­redakteur will unter anderem dafür sorgen, dass seine Fraktion auch beim Thema Sport kompetent mitspielen kann. Andreas Safft sprach mit Balmaceda über Stadionpläne, Herzens­projekte und über die Vereinslandschaft an der Ilmenau.

Herr Balmaceda, erst LZ, dann Bild, nun die Grünen. Wie fanden Sie zu Ihrer neuen politischen Heimat?

Sebastian Balmaceda: Ich hatte früher auch schon mal Grün gewählt, allerdings nicht immer. Als ich mich selbstständig gemacht habe, fand ich es an der Zeit, mich zu engagieren, und habe geguckt, welche Partei aus lokaler Perspektive zu mir passt. So bin ich Anfang 2021 nach Gesprächen mit Claudia Kalisch und unserem Fraktionsvorsitzenden Ulrich Blanck bei den Grünen gelandet.

Eine Partei, die in der öffentlichen Wahrnehmung für alles Mögliche steht, aber nicht unbedingt für Sport.

Es gab in der Tat eher wenig grüne Positionen. Weil sie nicht gefragt wurden – oder vielleicht auch, weil sie keine hatten. Aber wir haben jetzt eine Oberbürgermeisterin, die selbst Judo als Leistungssport sowie Karate betrieben hat und auch dank ihrer Kinder sehr sportbegeistert ist.

Sportbegeisterter als ihr Vorgänger?

In jedem Fall.

Wie wichtig ist Sport, aktiv oder passiv, denn für Sie selbst?

Ich treibe seit dreißig Jahren jeden Tag Sport, laufe oder schwimme völlig unambitioniert, ohne Uhr und Kilometerzähler, aber mit Spaß. Wenn man zehn Jahre lang praktisch jedes Wochenende aus beruflichen Gründen Sport geguckt hat, dann ist der Bedarf erst einmal gedeckt, auch, was den großen Profifußball angeht.

Auf Eishockey in Adendorf hatte ich zuletzt wieder Lust bekommen, aber zum LSK fehlt heute die emotionale Verbindung. Da kenne ich ja keinen Spieler mehr.

Dabei beschäftigt der Verein ja seit gut zwei Jahrzehnten die Lüneburger Sportpolitik mit der Suche nach einer neuen Heimat.

Dass der LSK eine neue Heimat in Lüneburg will, kann ich total nachvollziehen. Ich ziehe den Hut davor, was der LSK in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt hat. Andererseits sehe ich die Zuschauerzahlen. Vor Kurzem gingen zu einem Bezirksliga-Derby in Neetze 600 Leute, beim LSK war tags darauf nur die Hälfte da. Und auch die Bundesliga-Volleyballer der SVG hatten am gleichen Wochenende nicht mehr Zuschauer. Das muss man zur Kenntnis nehmen.

Es gibt aber sicher eine Masse an Menschen, die richtig Bock auf Fußball vor Ort haben. Hat mal jemand in der Sportredaktion ausgerechnet, wie viele Leute sich an einem Wochenende Spiele bei uns im Kreis angucken?

Da kämen sicher erstaunliche Zahlen zusammen. Oft sind Kreisklassen-Derbys etwa in Brietlingen oder Thomasburg deutlich besser besucht als Spiele in höheren Ligen. Bräuchte der LSK also für seine 300 Zuschauer überhaupt ein neues Stadion?

Der LSK allein kann eine solche Anlage nicht auf Dauer finanzieren und unterhalten. Selbst der aktuelle Spielbetrieb ist nur durch das finanzielle Engagement einzelner Vorstandsmitglieder möglich. Alle beteiligten Lüneburger Vereine müssen ein Konzept erarbeiten, wie sie eine solche Anlage nutzen wollen. Die Vereine müssen sich ernsthaft zusammensetzen, die Stadt kann und würde das moderieren. Im Lüneburger Fußball muss endlich eine Einigkeit hergestellt werden.

So hat auch schon der damalige LSK-Vorsitzende Manfred Harder kurz nach der Insolvenz seines Vereins 2001 gedacht, er wollte die Kleinstaaterei in Lüneburg beenden. Passiert ist seitdem nichts. 20 verschenkte Jahre?

Ja. Es gab auch danach einige Initiativen wie zuletzt von Manfred Nitschke und Manfred Vogt – das war durchdacht und klug vorbereitet. Aber die Vereine haben das saubere Zuspiel ins Aus laufen lassen. Fakt ist leider: Das Leistungsniveau des Lüneburger Fußballs, auch in der Jugend, war noch nie so niedrig wie jetzt.

Wäre denn der zuletzt diskutierte Standort Bilmer Berg für eine Sportanlage geeignet?

Es ist ein großer Fehler, Standorte zu früh tot zu quatschen, wie man in Wendisch Evern schmerzlich erfahren hat.

Im Gespräch ist auch der Bau eines Kunstrasenplatzes, der vor wenigen Jahren noch von der damaligen Verwaltung aus ökologischen Gründen verworfen worden ist.

Es gibt längst hervorragende Kunstrasen-Plätze mit einer guten Ökobilanz. Es gilt die Gesamtbilanz zu beachten – Naturrasen muss zum Beispiel im Sommer intensiv gewässert, mit viel Aufwand gepflegt und gedüngt werden.

Sport ist ja nicht nur Fußball. Und er findet zunehmend nicht mehr nur im Verein statt. Wie sollte die Stadt darauf reagieren?

Der Vereinssport mit seinem ehrenamtlichen Engagement ist durch nichts zu ersetzen, doch wir müssen auch auf sich verändernde Strukturen reagieren. Die Skateranlage, die auf den Sülzwiesen entstehen wird, ist zum Beispiel ein ganz großartiges Projekt. Ich fände aber auch einen Trimm-dich-Pfad, wie es ihn früher in Wilschenbruch gab, richtig gut. Nennen wir es „calisthenics“, dann klingt es gleich modern...

Das alles kostet. Und es zeichnet sich ab, dass auch für die öffentliche Hand das Geld knapper wird.

Man braucht nicht immer viel Geld, um etwas zu erreichen. Was ich mir wünschen würde, wäre die Wiederbelebung eines großen Stadtlaufs, vielleicht sogar ein Halbmarathon, das wäre nebenbei beste Reklame für Lüneburg und auch für einen autofreien Sonntag. Läuferinnen und Läufer sind positive Multiplikatoren.

Die Stadt muss ein solches Event nicht mit viel Geld sponsern, sondern es durch die nötigen Genehmigungen und organisatorische Unterstützung überhaupt erst möglich machen. Klasse wäre eine Kooperation zwischen Stadtmarketing, LCM, den Sportvereinen und der Verwaltung – die können Langstrecke...

Gerade die Lüneburger Großvereine leiden sehr unter einem stetigen Rückgang ihrer Mitgliederzahlen. Wie kann die Stadt dem begegnen?

Ich denke an meine Jugend zurück. Zwischen 12 und 16 habe ich, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, sicher sieben Sportarten ausprobiert wie andere in diesem Alter auch. Wie wäre es denn, wenn Jugendliche mit 14 ein Jahr lang alle Angebote im Lüneburger Sport ohne großen Aufwand ausprobieren können in den Vereinen und sich dann erst festlegen müssen? Eine Art Sport-Joker.

Wir haben ja eine sehr gute Vereinsstruktur mit sehr vielen Angeboten. Die Zeiten, dass jemand ein ganzes Leben lang eine Sportart in einem Verein ausgeübt hat, sind doch längst vorbei.

Zur Person

Einst „seb“ in der LZ

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Unter seinem Geburtsnamen Voigt war Sebastian Balmaceda seit 1989 für die Landeszeitung tätig, erst in der Sport-, dann in der Lokalredaktion. 2005 wechselte „seb“, so sein Kürzel, zur Bild nach Hamburg. Seit gut zwei Jahren ist er selbstständig, betreibt die Agentur Balmaceda Kommunikation.

Der 55-Jährige sitzt seit November im Lüneburger Stadtrat und in insgesamt sechs Ausschüssen: für Feuerwehr und Gefahrenabwehr, Finanzen, Kultur, Mobilität und Sport sowie im Mobilitätsgrundsatzausschuss. Außerdem ist er im Aufsichtsrat der Gesundheitsholding Lüneburg.

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