Samstag , 3. Dezember 2022
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Gut gelaunt auf dem Podium: Lucy Fricke im Gespräch mit dem Lektor Matthias Teiting. (Foto: t&w)
Gut gelaunt auf dem Podium: Lucy Fricke im Gespräch mit dem Lektor Matthias Teiting. (Foto: t&w)

Die Illusion, dass es besser wird

Wie Diplomatie gegen die Wand läuft, schildert Luca Fricke in ihrem aktuellen Roman. „Die Diplomatin“ schildert Ohnmacht gegenüber einer willkürlich herrschenden, Meinungsfreiheit verhindernden Regierung. Im Zentrum steht eine Frau, die in Istanbul berufliches Scheitern und persönliche Einsamkeit verkraften muss. Im Lüneburger Glockenhaus stellte die Autorin ihr Buch vor.

Lüneburg. Zwischen Stipendien in Kyoto und Iowa machte 2012 drei Monate Station im Lüneburger Heinrich-Heine-Haus. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sehr Schriftsteller auf Unterstützung durch Stipendien angewiesen sind. , 1974 in Hamburg geboren, war auch in Klagenfurt, Ahrenshoop, Krakau, Rom, Schöppingen, Bamberg schreibender Gast auf Zeit – und in Istanbul, was für ihren aktuellen Roman „Die Diplomatin“ wichtig wurde. Mit Buch, Lektor Matthias Teiting und Fotos kam sie nun ins Lüneburger Glockenhaus, eingeladen vom Literaturbüro.

Schreiben beim Botschafter in Istanbul

Istanbul, das hieß 2019 Kulturakademie Tarabya mit Sitz in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters. „Zur Inspiration und Weiterentwicklung ihrer Arbeit“ werden dort an Künstler Stipendien vergeben. Auch Nino Haratischwili, die am 25. Juni in Lüneburg lesen wird, schrieb beim Botschafter.

tauchte in Istanbul in die Welt der Diplomatie ein, führte viele Gespräche, recherchierte und machte eine Karrierefrau namens Friederike „Fred“ Andermann zur Erzählerin ihres Romans. „Die Diplomatin“ ist eine Geschichte von Repräsentation, Ehrgeiz und Ohnmacht, Erfolg und Einsamkeit, von äußeren und inneren Zwängen. „Diplomaten stehen unter viel mehr Druck als ich dachte“, sagt .

Ihre Erzählerin wird in Montevideo mit dem Verschwinden der Tochter einer machtbewussten deutschen Verlegerin konfrontiert. Der Fall entwickelt sich böse. Im zweiten und wesentlichen Teil des Buchs bekommt Fred als Gesandte in der Türkei die Unberechenbarkeit eines autokratischen Staates vorgeführt. Sie setzt sich für politisch Verfolgte ein und stößt bei Behörden auf Schweigen und Willkür. Fred muss erfahren, wie schnell Diplomatie gegen die Wand läuft. Sie wird ausbrechen aus ihrer von Amts wegen gebotenen Förmlichkeit.

verwebt in kurzen Kapiteln Spannung, gelegentlich auch lakonischen Humor für den Blick ins Innenleben einer Frau, die an ihrem Beruf verzweifelt. Einmal sagt Fred: Die Kraft zum Weitermachen stecke in der Illusion, dass es besser wird. Brutales und hilfloses Scheitern der Diplomatie wird in diesen Tagen zwei Flugstunden von Berlin tagtäglich Realität. An diesem Punkt bekommt „Die Diplomatin“ eine nicht vorhersehbare Aktualität.

Eintauchen in eine fremde Lebenswelt

Was aus Istanbul erzählt, ist konkreten Fällen entnommen. Sie spricht bei der Übertragung in Literatur von Wahrhaftigkeit, bei der aber nicht jedes Detail stimmen müsse. Auszüge aus ihrem von der Süddeutschen Zeitung als „Roman zur Stunde“ bewerteten Buch las im Glockenhaus.

Vor allem aber gab die Autorin, die 2018 mit „Töchter“ einen Bestseller landete, Einblicke ins Entwerfen und Entwickeln ihrer Bücher. Das plaudernde Gespräch führte ihr Lektor Matthias Teitung, der sie seit 15 Jahren und fünf Romanen begleitet. Weg vom derzeit populären autofiktionalen Schreiben habe sie gewollt. Hin zum Eintauchen in eine ihr fremde Lebenswelt. Das ist gelungen in diesem gerade in dritter Auflage gedruckten Roman. „Die Diplomatin“ ist unterhaltsam in bestem Sinn, besitzt Spannung und ist von jeglichem sprachlichen Überfluss entschlackt.

Es ist ein guter Gedanke, die Form der klassischen Wasserglas-Lesung formal aufzubrechen. Die Erinnerungsfotos aber, die vor allem aus Istanbul zeigte, waren denn doch ziemlich belanglos. Dann doch lieber gleich das Buch lesen…

Von Hans-Martin Koch

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