Samstag , 3. Dezember 2022
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Stephani Voß und Eike Kuhse spielen mit Zitaten und Kodierungen. (Foto: ff)
Stephani Voß und Eike Kuhse spielen mit Zitaten und Kodierungen. (Foto: ff)

Projektionen auf dem Bungalow

Das Märchen gehört zum Kanon der deutschen Literatur. Aber wie werden Schneewittchen und der Froschönig heute wahrgenommen, welche Themen sind noch aktuell? Stephani Voß und Eike Kuhse präsentieren im Heine-Haus Gemälde, in denen sie Märchen-Motive in einen modernen Kontext stellen.

Lüneburg. Herrschsüchtige Königinnen und arme Handwerkerburschen, finstere Wälder, sprechende Wölfe, Zwerge, Schlösser, Burgen und schiefe Häuschen. Sehnsucht nach einem besseren, gerechteren Leben, und am Ende wird alles gut: Motive des Märchens sind in unserem Denken verankert, was die Brüder Grimm sammelten und publizierten, hat einen festen Platz im Bildungskanon. „Maer“ haben Stephani Voß und Eike Kuhse ihre Malerei-Ausstellung genannt, die sich um Legenden dreht, um Mythen, Fabeln – und um Albträume. Sie ist noch bis einschließlich Sonntag, 26. Juni, im Heinrich-Heine-Haus zu sehen.

Ein Frosch mit Krone, ein Glashaus, das wie ein Sarkophag geformt ist, eine Reihenhaus-Zeile mit Lebkuchen-Fassade, es ist zunächst einmal ein Spiel mit Zitaten und Codes, meistens leicht zu entschlüsseln, aber nicht immer: ein Haus auf hohen Stelzen, damit ist Baba Jaga gemeint, eine Gestalt in der slawischen Mythologie. Baba Jaga führt ein zurückgezogenes Leben im Wald und wohnt in einem Haus auf Hühnerbeinen und kann sich auf Befehl der Hausherrin in verschiedene Richtungen drehen. Die muss man erstmal kennen. Aber natürlich kann das Stelzenhaus auch als Fluchtburg dienen oder als Elfenbeinturm

Anderswo gibt es vier Porträts, von Isegrim und Reineke, also Wolf und Fuchs, aber wofür stehen Eule und Krähe? Wohl für Weisheit und düstere Prophezeihung. Das Spiel mit der Maer (oder Mär) führt in verschiedene Richtungen, die klare Unterscheidung von dem Guten und dem Bösen funktioniert nicht mehr zuverlässig, die Deutung liegt meistens beim Betrachter. Stephani Voß arbeitet mit großformatigen Acryl- und Ölbildern, die zuweilen wie verzerrte Schnappschüsse wirken, Bilder von Kindern, die sich in ambivalenten Situationen befinden, behütet und zugleich bedroht von der Macht der Angst.

Wo Stephani Voß mit schnellem, eher grobem Pinselstrich arbeitet, setzt Eike Kuhse bei seinen Aquarellen und Ölbildern auf die altmeisterliche Präzision, auf diese Weise kann er auch kleine Formate – gern in Serie – verarbeiten: Der angebissene Apfel mag heute auf Laptops kleben, er steht aber auch für Schneewittchen, und neben einem Apfel, der erkennbar aus Glasfacetten besteht, liegt ein offenbar ausgebissener Backenzahn. Das gehört zum Spaß an der Malerei dazu,

Noch einmal: das Märchenhaus. Eike Kuhse zeigt eine aus wenigen Zweigen zusammengesteckte Hütte, das Licht eines Feuers wirft skurrile Schatten auf eine Betonwand, die erkennbar zu einem Siebziger-Jahre-Bungalow gehört. „Da war für mich das Licht- und Schattenspiel viel interessanter als die Architektur“, sagt Eike Kuhse. Das Haus ist zur Projektionsfläche geworden. Ein Raum der Heine-Haus-Galerie gehört nicht der Malerei, sondern einer Installation, dem Kasperle-Theater, das sich hier auch wieder als Märchenhaus begreifen lässt. Drinnen ist ein Video zu sehen von einer Performance, die sich wiederum um den Tod dreht. Das ist die Diplomarbeit des Kunststudenten Kuhse gewesen.

Die Ausstellung ist sonnabends, sonntags und mittwochs jeweils von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

Von Frank Füllgrabe

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