Sonntag , 4. Dezember 2022
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Der Biologe und Museums-Kurator Dr. Christoph Hinkelmann präsentiert das Präparat eines Alaska Elches. (Foto: t&w)
Der Biologe und Museums-Kurator Dr. Christoph Hinkelmann präsentiert das Präparat eines Alaska Elches. (Foto: t&w)

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche

Elche gelten als bezaubernde Tiere: Sie sind groß, ein bisschen trottelig, sehen mit ihren Schaufeln und der klobigen Ramsnase etwas seltsam aus, und sie sind meistens scheu und friedlich. Im Ostpreußischen Landesmuseum ist ihnen eine Sonderausstellung gewidmet, sie nähert sich dem riesigen Hirsch aus verschiedenen Blickwinkeln.

Lüneburg. Der berühmte US-Reiseschriftsteller Bill Bryson findet Elche sympathisch, lustig – und ein bisschen doof: Sie lassen sich Geweihe wachsen, die wie Topflappen aussehen, schreibt Bryson, und wenn sie auf die Straße treten, dann galoppieren sie auf ihre paddelige Art kilometerweit vor den Autos her, statt den Asphalt zügig zu verlassen. Der Biologe Dr. Christoph Hinkelmann urteilt differenzierter, als Kurator am Ostpreußischen Landesmuseum hat er eine Sonderausstellung aufgebaut, die sich dem mächtigen Hirsch aus verschiedenen Richtungen nähert. Fest steht: Wir mögen diese Gesellen, da sind die Deutschen nicht die Einzigen. „Mit dem Elch“, sagt Hinkelmann, auch das zeigt seine vielseitige Ausstellung, „kann man einfach alles verkaufen“.

Mit diesem Tier kann man einfach alles verkaufen

Egal ob Bier, Schnaps, Pantoffeln, Teller, Tassen, schwedische Kiefernmöbel, Medikamente – es gibt in Lüneburg eine Elchapotheke – und werweißwasnoch: Allerorts blickt einem das Tier mit seinen milden Augen, den prägnanten Schaufeln, der dicken Ramsnase und der überhängenden Oberlippenschnute entgegen. Ich glaub’, mich knutscht ein Elch!“ lautet der Titel einer US-Komödie; ob so ein Kuss ein Genuss wäre, darf bezweifelt werden: Die Ausstellung zeigt Kopf und Hals eines Alaska-Schauflers, angebracht in Originalhöhe; Schulterhöhe: 2,3 Meter. Streicheln ist bei dem Präparat nicht erlaubt; aber: „Take a selfie“, fordert ein Schild auf. Gar nicht so einfach, sich neben dem Elch zu positionieren.

In Deutschland ist der „Elchtest“, das reaktionsschnelle Ausweichen, das Synonym für eine Blamage der A-Klasse von Mercedes. Die Ausstellung bietet auch einen entsprechenden Fahrsimulator für das Fahrmanöver, das in Schweden übrigens Kindertest heißt. Besonders schlau sind Elche tatsächlich nicht – das Gehirn der bis zu achthundert Kilo schweren Tiere wiegt gerade einmal 300 Gramm. Zum Vergleich: Der Mensch bringt es auf anderthalb bis zwei Kilo. An anderer Stelle tut Bill Bryson dem Tier allerdings unrecht: Die „Topflappen“ dicht an den Ohren wirken wie Schalltrichter, damit hört der Schaufel-Elch besser als sein Kollege mit herkömmlichem Geweih – und ist damit bei der Brunft schneller zur Stelle. „Auch solche kleinen Vorteile“, sagt Dr. Hinkelmann, „machen sich in der Evolution sofort bemerkbar“. Der Brunftschrei allerdings klingt wie klägliches Getröte.

Neunundneunzig Dosen Suppe als Preis

Der Elch lebt jeweils in den nordischen Regionen von Amerika, Europa und Asien; Feinde hat er fast überall. Vor Bären kann er mit seinen langen Beinen weglaufen, vor einem Wolfsrudel nicht. Daher zählt der Biber mit seinem Hang zum Bau von Staudämmen zu seinen Freunden: Wölfe schwimmen schlecht und ungern, der Elch dagegen ist eine Wasserratte und kann bis zu sechs Meter tief tauchen. Bleibt der Mensch: In Schweden gibt es etwa vierhunderttausend Elche, ein Viertel wird pro Jahr zum Abschuss freigegeben. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts waren Elche in Mitteleuropa beinahe ausgestorben. In Polen dürfen Elche seit 2001 nicht mehr gejagt werden, nun lassen sie sich auch wieder in Deutschland blicken, sie haben hier ganzjährig Schonzeit. Ihr größter Feind aber ist klein und kommt von innen: Elchdasselfliegen schießen ihre Eier durch seine Nase, die Parasiten breiten sich dann im Kopf aus.

Elche sind – in Ostpreußen zum Beispiel – beliebte Wappentiere; auch das Wappen der Samtgemeinde Ostheide des Landkreises Lüneburg zeigt eine schwarze Elchschaufel. Und: Ein repräsentatives Elchgemälde von Hans Kallmeyer (1882-1961) gehörte in Königsberg bei den besseren Familien einfach zum guten Ton. Längst hat der Elch nicht nur Malerei und Heraldik, sondern auch die Literatur erobert. Der „Göttinger Elch“ ist Deutschlands einziger Satirepreis, ausgezahlt werden 99 Dosen Elchrahmsuppe. Und dank des Lyrikers F.W. Bernstein wissen wir nun: „Die größten Kritiker derElche waren früher selber welche“.

Von Frank Füllgrabe

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