Sonntag , 4. Dezember 2022
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Das Kuss Quartett liefert die Grundlage für die Eröffnungsproduktion „Kokon“.
Das Kuss Quartett liefert die Grundlage für die Eröffnungsproduktion „Kokon“. (Foto: Falk Wenze)

77. Sommerliche Musiktage Hitzacker beginnen

Die Organisation von Deutschlands ältester Kammermusikreihe war zuletzt coronabedingt schwierig. Jetzt kehren die Sommerlichen Musiktage Hitzacker so weit es geht zur Normalität zurück. Im 77. Jahr gibt es wieder einen Mix aus Bewährtem und Uraufführungen mit hochkarätigen Musiker(inne)n.

Hitzacker. Deutschlands älteste – oder besser: traditionsreichste – Kammermusik-Reihe steht nun im Zeichen einer doppelten Glückszahl: Die 77. Sommerlichen Musiktage Hitzacker werden am Sonnabend, 30. Juli eröffnet, sie laufen bis zum 7. August. Das Festival trägt den Titel „Zeit.Räume“. Das klingt zunächst ein wenig beliebig.

Aber nach zwei Jahren Pandemie (Ende nicht absehbar), nach fünf Monaten Ukraine-Krieg , Ende auch nicht absehbar, und mit Blick auf ein angekündigtes Rohstoff-Heizungs-Desaster fühlen sich viele Menschen wie aus der Zeit gefallen. Die normalen Grenzen und Gesetze sind nicht mehr verlässlich. Da gewinnt der Titel dann doch an Substanz. Es geht um Orientierung, neue Ordnungen, neues Verständnis

Ein Ort des Aufbruchs und der Erfindung

„In Zeiten, in denen sich das Kulturleben neu aufstellt – ja aufstellen muss –, sich hinterfragt und den viel zitierten Neustart probt, fühlen wir uns ganz beheimatet: Unser Festival ist darin geübt, seit jeher ein Ort des Aufbruchs und der Erfindung zu sein“, sagt der Violinist und Intendant Oliver Wille.

So soll die aufwendige Eröffnungsproduktion „Kokon“ mit Bas Böttcher (Slam Poetry), Yui Kawaguchi und Ruben Reniers (Tanz), Johannes Fischer (Schlagzeug, Komposition) und dem Kuss Quartett die Genres Wortkunst, Performance, Musik und Imagination zusammenbringen – Zeitläufe verschmelzen, schieben sich ineinander, und nicht nur die zentrale Bühne ist dabei Ort des Geschehens.

International gefeierte Künstlerinnen und Künstler wie Viviane Hagner, Kim Kashkashian, Ian Bostridge, Harriet Krijgh, Ania Vegry, Pierre-Laurent Aimard, das Quatuor Diotima, die Camerata Bern, Baiba und Lauma Skride und viele andere sind in Hitzacker zu erleben, ebenso – auch das gehört zur DNA des Festivals – besonders talentierte Nachwuchsmusiker wie der Geiger Javier Comesaña Barrera.

Eine Uraufführung im Verdo

Pierre-Laurent Aimard – einer der wichtigsten Pianisten unserer Zeit – setzt gemeinsam mit dem Kuss Quartett die Musik Elliott Carters, die besonders raffiniert Zeit und Raum durch rhythmisch-metrische Verschiebungen aufhebt, zu Mozart in Beziehung. Die Sopranistin Ania Vegry führt Poulencs Monodrama „Die menschliche Stimme“ auf, eine Oper über äußere und innere Distanz. Und, wie um aus Zeit und Raum herauszutreten, erklingt Musik von Frederic Mompou in einem Sonnenaufgangskonzert.

Zu den Höhepunkten der Musiktage gehört auch eine Uraufführung im Verdo: Mit der Bratschistin Kim Kashkashian will das Kuss Quartett Johannes Brahms‘ spätes G-Dur-Quintett op. 111 zum Glühen bringen. Als Auftragswerk an den exzeptionellen deutsch-französischen Komponisten Mark Andre startet es flankierend einen Zyklus von Streichquartett-Aphorismen, die Schwingungen der Saiten im Zeit-und-Raumkontinuum zum Thema haben werden. Der Kompositionsauftrag an Mark Andre wird finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.

Beendet werden die „77. Sommerlichen“ am Sonntag, 7. August, um zwölf vor zwölf (also: 11.48 Uhr) von einem Sextett: Viviane Hagner (Violine), Oliver Wille (Violine), Anna Maria Wünsch (Viola), Alexey Stadler (Violoncello), Pablo Barragán (Klarinette) und Yannick Rafalimanana (Klavier). Sie spielen unter anderem Werke von Olivier Messiaen, Claude Debussy und Krzysztof Penderecki.

Die Bühne bleibt in der Mitte

In der Not des ersten Pandemiejahres erdacht, wird die Konzertbühne auch 2022 inmitten des Publikums bleiben – klanglich, räumlich und atmosphärisch ein Gewinn. Geblieben ist auch die eigentümliche Terminvergabe des Festivals: Die Konzerte beginnen etwa um 14.02 Uhr oder um 20.08 Uhr, also um zwei nach zwei oder um acht nach acht. Um neun nach neun morgens beginnt am Montag, 1. August, in der Johanniskirche ein Konzert des Festivalchores unter der Leitung von Alexander Lüken – zum Mitsingen. Der Dirigent hat, auch für die kommenden Tage, ein gut realisierbares Programm zusammengestellt, das sechzig Minuten lang Freude machen soll. Um elf nach elf folgt in der Kirche ein Blick in die Werkstatt der Lied-Akademie mit einer öffentlichen Probe. Eine Reihe von Veranstaltungen jenseits des klassischen Konzertformats runden also das Festivalangebot ab. Aufgegeben wurde das (coronabedingte) System vom vergangenen Jahr, Konzerte zu doppeln. Karten und Informationen: Telefon 05862-941430. Infos unter musiktage-hitzacker.de.

Achtung: Das Sonnenaufgangskonzert für Frühaufsteher am Sonnabend, 6. August, auf der Wiese am Hafen wurde um eine Stunde verschoben, es beginnt jetzt "erst" um fünf nach fünf. Ein kostbares Stündchen länger schlafen...

Von Frank Füllgrabe

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