Samstag , 3. Dezember 2022
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Die St. Michaeliskirche war mehr als gut besucht. (Foto: t&w)
Die St. Michaeliskirche war mehr als gut besucht. (Foto: t&w)

Monteverdis “Marienvesper” – Erwartungen übertroffen

Für Liebhaber anspruchsvoller Musik war es ein perfekter Abend: In der St. Michaeliskirche erklang Claudio Monteverdis "Marienvesper" – der Kammerchor, das Orchester L’Arco und fünf herausragende Gesangssolisten erntete Fußgetrappel und Bravorufe.

Lüneburg. Ein musikalisches Highlight hatte Michaeliskantor Henning Voss angekündigt. Zu recht. Die von ihm souverän geleitete, perfekt gelungene und hochlebendige Interpretation der viel zu selten zu hörenden „Marienvesper“ Claudio Monteverdis übertraf höchste Erwartungen: Am Ende feierte das Publikum den in Bestform singenden Kammerchor St. Michaelis, das mit barockem Instrumentarium angereiste, sehr feinfühlig agierende Orchester L’Arco und fünf herausragende Gesangssolisten – und nicht zuletzt speziell Henning Voss.

Was ein Musikexperte aus Bologna vor etwas über 400 Jahren als „Unverschämtheiten der modernen Musik“ bezeichnete, betraf den künstlerisch hochindividuellen Stil Claudio Monteverdis. Jener nutzte in seinen Chorwerken neuartige, unter Umständen damals auch als „grell“ oder „fahl“ negativ empfundene Klangkombinationen und Satztechniken, vornehmlich, um seinen Kompositionen leidenschaftlichen, berauschten menschlichen Ausdruck einzuhauchen.

Noch heute kann man über die Komplexität, melodische, rhythmische, harmonische, polyphone oder formale Phantasie dieses frühbarocken Komponisten nur staunen, der mit seiner 1610 Papst Paul V. gewidmeten „Marienvesper“ – der berühmtesten und vielgestaltigsten aller überlieferten christlich-liturgischen Messevertonungen zu Ehren Marias – eine zeitlose, affektive und direkt nachempfindbare Art adäquater 29musikalischer Textauslegung schuf.

Henning Voss leitete den Abend. (Foto: t&w)
Henning Voss leitete den Abend. (Foto: t&w)

Üppig erstrahlende Melodik

Eines der Mittel ist die Einteilung von Chor, Instrumenten und Sologesang in sowohl korrespondierende als auch zusammenwirkende eigenständige Klanggruppen. Unter Henning Voss‘ Leitung musizierten die beiden je 20 Sängerinnen und Sänger starken Chorgruppen und das Barockorchester L’Arco äußerst farbenprächtig und dynamisch nuanciert, stets auf die Offenlegung der jeweiligen Textbedeutung und der entsprechenden emotionalen Situation bedacht.

Das gilt für jeden der sehr unterschiedlichen Abschnitte der Marienvesper, die aus einem eröffnenden Wechselgesang, verinnerlichten Concerti mit Solostimmen, klangprächtigen Psalmen, einem Hymnus und einem üppig erstrahlenden, ebenfalls mit gregorianischer Melodik und kunstfertigen stilistischen Raffinessen gespicktem Schluss-Magnificat besteht.

Offenbar sehr gründlich vorbereitet, bewältigte der Kammerchor St. Michaelis seine sehr anspruchsvollen Partien mit feiner Intonation, schöner Stimmkraft und ergreifender Klangflexibilität. Die wechselnde Aufteilung von Chor und Instrumentarium – Streichinstrumente, Continuo-Ensemble, Theorbe, Psalterium, Blockflöte, Zink, Posaune oder Dulzian – zielte auf optimale Raumwirkung, nicht nur in den Sätzen, in denen Echowirkung auskomponiert ist.

Sowohl die subtile Begleitung der Chöre und Solisten, als auch die hochvirtuosen Solo- und Duoeinlagen beglückten durch ihre einzigartige Transparenz und faszinierende Klangschönheit.

Solisten beeindruckten durch meisterhafte Technik

Ein Glücksgriff: das fabelhafte Solistenensemble aus zwei Sopranistinnen, zwei Tenören und dem Bassisten Konstantin Heitel. Marie Luise Werneburg und Hanna Zumsande ergänzten besonders in Wechselgesang oder Duett ihre sehr unterschiedlichen Soprantimbres ideal, wie auch Jan Kobow und Hans Jörg Mammel ihre charakteristischen Tenorstimmen.

Alle Solisten beeindruckten durch meisterhafte Koloratur- und Repetitionstechniken zugunsten gefühlvoller Textnähe. Fußgetrappel, Bravorufe, Beifall, der nicht enden wollte: Das Publikum – die Kirche war mehr als gut besucht – machte deutlich, wie es diese auf höchstem Niveau gelungene, klanglich und textinterpretatorisch facettenreiche Aufführung mitempfunden und genossen hatte.

Was schon nach der kürzlich in St. Johannis begeisternden Aufführung von Beethovens Missa solemnis unter Vogelsänger sicher viele dachten, gilt auch für dieses Konzerthighlight: Schade, dass es nach monatelanger Vorbereitung nur eine einzige Aufführung geben kann.

Von Antje Amoneit

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