Dienstag , 6. Dezember 2022
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Viel Musik, viel Bewegung, viele Gefühle, jede Menge Dramatik: „Spring Awakening“ entwickelt sich zur mitreißenden Premiere.
Viel Musik, viel Bewegung, viele Gefühle, jede Menge Dramatik: „Spring Awakening“ entwickelt sich zur mitreißenden Premiere. (Foto: t&w/Theater)

Schwimmen in einem Strudel der Gefühle

Als das Stück über schulischen Drill und sexuelle Tabus herauskam, löste es einen Skandal aus. Vieles aus Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ aus dem Jahr 1891 scheint heute überholt. Das rockige Musical „Spring Awakening“ zeigt den zeitlosen Kern des Stücks. Das „Junge Musical“-Team legt ihn im T.3 des Theaters frei.

Lüneburg. In den kommenden gut 90 Minuten geht es um Schreckliches: Suizid, Tod nach heimlicher Abtreibung, elterliche Gewalt, verbotene Liebe und um eine verknöcherte Moral, in der nur der Schein zählt – und der wird mit aller Grausamkeit gewahrt. Auf der anderen Seite treten Lehrer auf, die Knüppeldick und Sonnenstich heißen, ein Pfarrer namens Kahlbauch und ein Doktor von Brausepulver. So hat Frank Wedekind 1891 einige der Erwachsenen in seinem Drama „Frühlings Erwachen“ benannt, und stereotyp verhalten sich diese Figuren auch in der rockigen Musical-Fassung „Spring Awakening“, die jetzt im T.3 des Theaters Lüneburg zu erleben ist. Das „Junge Musical“ ist wieder da: tolle Truppe, starker Abend.

Am Anfang war ein fetter Skandal

„Frühlings Erwachen“ löste 1891 einen fetten Skandal aus. Zu tief blickte Wedekind in die Seelen von Jugendlichen und zu direkt auf eine in Konventionen erstarrte Gesellschaft. Wer nicht in den engen Gassen der Moral mitlief, wurde aus der Bahn geschmissen. Das so tragische wie verschärfend ins Ironische gesteigerte Stück attackiert eine mit Tabus gepflasterte Sexualmoral und ein Schulsystem, das blindes Pauken und Gehorchen einforderte.

Das mit acht Tony Awards dekorierte Musical von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Text) fügt eine Ebene hinzu, reflektiert den Stoff und transportiert ihn in die Gegenwart. Musik und Songtexte stellen Fragen aus heutigem Empfinden und Denken. Das kann melancholisch zugehen und rockig. Geht‘s richtig ab, hebt es den vom Klavier aus leitenden Bandleader Pascal F. Skuppe vom Hocker. Wie Lebensgefühl auch eine Sache der Bewegung sein kann, zeigen, wie die Musik, die von Rhea Gubler choreografierten, dem Team genau angepassten Szenen.

Friedrich von Mansberg treibt das Stück in kurzen szenischen Blöcken voran. Dafür eignet sich das offene Bühnenbild (Bühne/Kostüme: Barbara Bloch) mit grasgrünen Sitzpodesten, Vintagelampen und einer Reihe von Stühlen. Die Jugendlichen sind im Stil der Wedekind-Zeit gekleidet, sprechen Originaltext, was aber („Manno“) durchaus aufgebrochen wird.

Sehnsucht nach Freiheit

Die Produktion ist spürbar genau und intensiv erarbeitet. Jede der jungen Figuren bekommt einen deutlich eigenen Charakter. Das ist Verdienst des so inhaltsbewusst wie umsichtig inszenierenden Friedrich von Mansberg. Eins verbindet die Handelnden: Sie schwimmen in einem Strudel der Gefühle und leben in einem Dazwischen: zwischen Enge der Erwartungen und Sehnsucht nach Freiheit, zwischen Wissenwollen und Nichtwissensollen…

Es laufen viele der Geschichten parallel und müssen entsprechend knapp ablaufen, manche Rolle hätte mehr Raum verdient. Umso eindrucksvoller aber ist es, wie intensiv Mansberg und sein Team es hinbekommen, Jugendliche zu zeigen, deren innere Konflikte auch heute nachvollziehbar sind. Wut, Stille, zärtliche Annäherung, Verzweiflung, pure Lebenslust – alles hat seinen Ort. Wendla, die endlich wissen will und nun spürt, was Sexualität sein kann. Melchior, der sich die enge Welt öffnen will. Moritz, der an Erwartungen und Drill der Schule zerbricht. Ilse, die in eine freie Künstlerwelt entschwebt…

Auch die B-Besetzung ist schon mit dabei

Schöne Idee: In einer rockigen Szene und beim knackigen Finale mischt die B-Besetzung mit, in Hoodie, Jeans und was gerade im Schrank oben lag. Es sind in dem Musical neben den Powernummern anspruchsvolle mehrstimmige Passagen zu singen, introvertierte und extrovertierte Songs. Anna Schwemmers Vocalcoaching zahlt sich aus, und die Band um Skuppe zeichnet sich aus. Das sind zur Premiere Sophia Zehrfeldt (Violine), Luis Weber (Violoncello), Bjarne Mitwollen (Gitarre), Mark Hertzer (Bass) und Hannes Koch (Schlagzeug).

Das „Junge Musical“-Team ist groß. Fast alle Rollen sind doppelt besetzt. Mag sein, dass die eine etwas besser singt, der andere etwas stärker spielt, aber sie sind Team, und darum sind sie alle zu nennen. Die zuerst genannten spielten die Premiere: Wendla (Pia Naegeli / Belana Pittin), Melchior (Anton von Mansberg / Jonathan Plate), Moritz (Janosh Kratz / Leo Ehmke), Ilse (Juliana Kratz / Frithjof Gerken), Martha (Sarah Zürneck / Franziska Meyer), Thea (Anneke Kramer / Lotta Wroblewski), Anna (Nike Just), Hänschen (Gunt Chuluun / Hanna Langenbrink), Ernst (Arthur Huerkamp / Arndt Möller), Otto (Jakob von Mansberg).

„Spring Awakening“ ist ab 14 Jahren geeignet

Die Erwachsenenrollen besetzt Mansberg so, dass Mann Frau und Frau Mann spielt. Damit will der Regisseur auf Diversität verweisen. Es spielen Sascha Littig und Paula Rohde, alternierend Kirsten Patt.

Sicher, zur Premiere einer „Junges Musical“-Produktion ist der Saal von Familien-Fan-Publikum besetzt, der Beifall sicher. Aber er ist mit harter Arbeit, großem Einfühlungsvermögen, Spielbegeisterung und Können hoch verdient. „Spring Awakening“, geeignet ab 14 Jahren, bleibt bis Mitte Januar im Spielplan.

Von Hans-Martin Koch

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