Samstag , 3. Dezember 2022
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Renatus Deckert und Ana Marwan. (Fotos: be)
Renatus Deckert und Ana Marwan. (Fotos: be)

Älterwerden im Zeitraffertempo

"Europa schreibt" heißt eine neue Reihe der Literarischen Gesellschaft Lüneburg, sie führt an den Texten von Autoren und Autorinnen in die benachbarte Ferne – wo sich das Vertraute und das Exotische zugleich spiegelt. Jetzt war Ana Marwan mit ihrem Roman "Wechselkröte" zu Gast, im Dialog mit Renatus Deckert.

Lüneburg. Ihre gesprochenen Sätze balancieren wie auf einem Drahtseil. Sie beginnt, hält inne, überlegt scheinbar, lacht manchmal kurz und eher verunsichert auf, verbalisiert dann eine Brücke zur Fortsetzung ihres Gedankens. Ana Marwan wirkt scheu, keine, die losschwadroniert und ihre Ansichten eilig herausposaunt. Alles Geschwätzige ist ihr höchst suspekt. Wohlüberlegt und sehr bedacht, subtil und introvertiert mag sich die Autorin äußern. Auch dann, wenn sie einen Text formuliert und in gebundener Form publiziert.

Die Suche nach dem Abgeschiedenen

Neue Werke brauchen lange, sie ist keine Schreiberin am Fließband. Nur wenig findet sich auf dem Buchmarkt, doch das hat Substanz und ist klug. Im Rahmen der aktuellen, von Europe direct geförderten Reihe „Europa schreibt“ lud die Literarische Gesellschaft die 42-jährige Schriftstellerin ins mäßig besuchte Lüneburger Heine-Haus ein.

Ana Marwan sucht das Kontemplative, das Abgeschiedene, bevorzugt in Regionen an den Rändern eines Landes. Geboren wurde sie in einem damals noch jugoslawischen Dorf unweit der Steiermark. Nach Jahren im slowenischen Ljubljana und Wien, folgenden Studien der Literaturwissenschaft und Romanistik, zog sie in eine kleine niederösterreichische Gemeinde nahe der Grenze zur Slowakei, offenbar ein beschaulicher Ort für kreative Prozesse.

Nach ihrem viel gelobten Debütroman (2019) „Der Kreis des Weberknechts“ erhielt sie für „Zabljena“ vor einem Jahr den slowenischen Kritikerpreis, demnächst folgt die deutsche Übersetzung mit dem Titel „Verpuppt“. Eine grundlegende Zäsur in ihrem bisher recht beschaulichen Leben bedeutete der Ingeborg-Bachmann-Preis, den sie im vergangenen Juni in Klagenfurt für ihren Prosatext „Wechselkröte“ erhielt. „Ein Gänsehauttext“, urteilte die Jury. Seither scharen sich die Medien um sie.

Ein roter Faden zieht sich durch ihre bisherigen Arbeiten: Tiermetaphorik und der Blick aus isolierter Perspektive. Das trifft auf die „Wechselkröte“ exemplarisch zu. Hier ist es eine Protagonistin um die 40, die im Schwimmbad das amphibische Wesen entdeckt, es später aussetzt, aber den Laich vernichtet.

Unter der FFP-2 Maske ist das Gesicht faul geworden

Sie selbst bekommt überraschend ein Kind und beobachtet aus der Perspektive des Älterwerdens im Zeitraffertempo. „Ich ziehe mich jeden Tag an, weil jeden Tag eine kleine, aber realistische Möglichkeit eines Besuchs besteht,“ sagt die Ich-Erzählerin, die häufig auf den Briefträger wartet, der ihr eine online bestellte Bluse überreicht. Und dann folgt eine Erkenntnis. „Unter der FFP-2 Maske ist mein Gesicht faul geworden“, ein typischer Satz der Schriftstellerin.

Ihr Ton fällt stets nüchtern, fast lapidar aus. Sie vermittelt oft literarische Bezüge, sucht philosophische Kontexte, entwickelt daraus eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit, aus der immer wieder ein Lächeln sickert. „Die Kröte ist echt“, verrät Ana Marwan schmunzelnd und deutet imtief schürfenden Gespräch mit Renatus Deckert autobiografische Bezüge an. Sie kennt die Zurückgezogenheit ihrer Figuren, ohne gleich einen grantig misanthropischen Charakter wie Karl Lipitsch im „Weberknecht“ anzunehmen. Pathologische Klaustrophobie jedenfalls scheint ihr Wohnort nicht auszulösen. Enorm beeindruckend sind ihre äußerst präzisen Situations- und Stimmungsbeschreibungen, hinzu kommen zahlreiche Anspielungen, in der „Wechselkröte“ zum Beispiel ist es das Märchen-Motiv des Froschkönigs. Nun steht die österreichisch- slowenische Autorin plötzlich, unerwartet wie sie ausdrücklich erwähnt, im Zentrum öffentlicher Wahrnehmung und das fällt ihr sichtbar schwer. Ab nächstem Frühjahr agiert sie als neue Herausgeberin der Zeitschrift „Literatur und Kritik“, eine Aufgabe, der sie mit Spannung entgegensieht. Das führt sie weiter aus der dörflichen Stille in die urbane Betriebsamkeit. Es wird interessant zu beobachten sein, ob diese Veränderung künftig auch ihren Stil beeinflusst.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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