Samstag , 3. Dezember 2022
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Monika Grade dirigiert die Silcher-Sänger. (Foto: phs)
Monika Grade dirigiert die Silcher-Sänger. (Foto: phs)

Von der Luisenstraße zur Gondelfahrt

Der Lüneburger Silcher-Chor gehört zu den tradionsreichsten Ensembles im Raum Lüneburg. Jetzt feiert das Männerensemble mit einer Reihe von melancholischen, ironischen und fröhlichen, alten und modernen Liedern in der Musikschule sein 70-jähriges Bestehen. Zu Gast war der Chor LoChorMotion.

Lüneburg. Ach ja, früher. Da schmetterten stattliche Männerchöre mit sonoren Stimmen die Geschichte vom Jäger aus Kurpfalz oder vom düsteren Gefangenenschicksal aus Verdis ergreifender Oper „Nabucco“, ein bisschen Volksgut und reichlich Klassik bildeten das Zentrum. Heute plagen monogeschlechtlich besetzte Ensembles akute Nachwuchsprobleme, besonders in tenoralen Lagen. Irgendwie ist diese Kulturspezies wie ein Fossil und trotzdem lebt sie durchaus vital weiter. Das liegt auch an den Programmen. Die sind witziger, poppiger als damals.

Spaziergang durch unterhaltsame Musik

Mit einjähriger, pandemiebedingter Verspätung feierte der Lüneburger Silcher-Chor in der recht gut frequentierten Musikschule sein 70. Jubiläum mit einem Konzert unter dem ironischen Titel „Rein(e) Männersache“: ein kurzweiliger Spaziergang durch unterhaltende Musik. Von einst rund sechs Dutzend Sängern blieben dem Chor lediglich 17. Die werfen sich ex-trem ins Zeug, um die ausgesuchten Werke wohltemperiert zu gestalten. Für diesen Part ist primär eine Frau zuständig, die den Herren mit klaren Zeichen entsprechenden Schliff verleiht. Monika Grade gibt seit 2019 den Ton an und weiß genau, was ihre Vokalisten können. Sie wählt mit Umsicht passable Stücke aus, die sie mit Akribie einstudiert. Regina Ewe begleitete in einigen Beiträgen am Klavier und legte die musikalische Gangart punktgenau vor.

Der Chor verbindet die traditionelle Literatur mit Neuem oder ändert vertraute Texte und verklammert die Agenda thematisch. Was vor allem lockt die Männer allwöchentlich zum Übungsabend? Die Antwort kam natürlich prompt gesungen daher: Es ist, für Puristen vielleicht ernüchternd, das den harten Proben folgende gesellige Beisammensein beim Bier. Überhaupt der begehrte Gerstensaft, er prägte inhaltlich den zweiten Teil, von Monika Grade locker launig moderiert. Dazwischen logierten sie unter anderem bei Schuberts „Gondelfahrt“ und „Fein’s Mädchen“ von Johannes Brahms.

Rhythmisch raffinierter wagten sich die bestens gelaunten Interpreten in „Spanische Nächte“ vor, griffen den Faden zu Chanson und Couplet auf und lieferten gerade auf dem Gebiet eine besondere Visitenkarte ab, zum Beispiel mit Heinz Erhards köstlichem „Luisenstraße 13“.

Arrangements sind perfekt zugeschnitten

Als Gast war LoChorMotion eingeladen, geleitet von Nicole Lohmann. Hier sind gleich 30 begeisterte Frauen und Männer aufgeboten, die vor allem moderne Songs auf Lager haben. Das zeigte sich auf Anhieb mit dem herrlich amourösen Verwirrspiel „Tim liebt Tina“ oder dem Vicky-Leandros-Evergreen „Ich liebe das Leben“. Der Spaß ist dem Chor sofort anzumerken. Die Arrangements sind perfekt auf sie zugeschnitten, vokaler Schwung inklusive. Songs wie „Human“ oder Bodo Wartkes makabres „Ja, Schatz“ kitzelten den Humor aus den Zeilen und präsentierten sich in famoser Verfassung, ebenso wie das mehrsprachig vorgetragene Geburtstagsständchen. Das hatte Klasse und begeisterte.

Nach der Pause verstärkten die Herren von LoChorMotion partiell den Silcher-Chor. Das sorgte für mehr Volumen. Die Lieder reihten sich wie an einer Perlenkette, vom textlich gewandelten „Aus einem kühlen Grunde“ zu „Mein Kühlschrank und die Pfunde“ bis zum vertonten Nonsens „Blauer Mond“. Bässe und Tenöre sangen bevorzugt von den Plagen zu üppig eingeschaufelter Kalorien und lieferten unverzüglich die gesunde Alternative: „Es, es, es vegan“ oder doch wieder „Ein Bier, das macht den Durst erst schön“? Klischees und Trends im munteren Nebeneinander, süffig dargeboten.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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