Sonntag , 4. Dezember 2022
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Nach "Altes Land" und "Mittagsstunde" ist Dörte Hansen erneut mit einem Roman über die Menschen im Norden des Landes erfolgreich. (Foto: t&w)
Nach "Altes Land" und "Mittagsstunde" ist Dörte Hansen erneut mit einem Roman über die Menschen im Norden des Landes erfolgreich. (Foto: t&w)

Dem Meerestosen standhalten

Dörte Hansen wurde mit "Altes Land" und "Mittagsstunde" zur erfolgreichsten Autorin in der Spiegel-Bestsellerliste. Jetzt stellte sie im Lüneburger Filmpalast ihren neuen Roman "Zur See" vor, der sich wiederum um die Menschen des Nordens dreht und sich ebenso erfolgreich entwickelt wie die Vorgänger.

Lüneburg. Sie sind schon etwas Besonderes, die Menschen, die am Meer zu Hause sind. Mit norddeutschen Typen und Charakteren kennt die Autorin Dörte Hansen sich aus, schließlich ist sie selbst im Norden aufgewachsen. Ihr neuester Roman mit dem Titel „Zur See“ spielt auf einer imaginären Insel in der Nordsee. Dörte Hansen folgt dort den Spuren der Familie Sander, deren Existenz seit Langem eng mit dem Meer verwoben ist. Auf Einladung von Lünebuch stellte die Bestsellerautorin die Erzählung vor – gebucht war vorsichtshalber der größte Saal des Filmpalastes, der denn auch mit 270 verkauften Tickets fast ausgelastet war.

Das Kapitänspatent versoffen

Seit Jahrhunderten fahren die Männer als Walfänger und Seeleute hinaus, oft bleiben sie ihren Familien monatelang fern. Frauen und Kinder müssen Einsamkeit und Ungewissheit dann ertragen und sich alleine durchschlagen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn den Insulanern in der Saison inzwischen ganze Heerscharen von Touristen Gesellschaft leisten. Wer dauerhaft vom Meer umgeben ist, der kennt seine Härten.

Die Stürme, die Kälte, den oftmals grauen Winter. Hanne Sander stemmt sich allen Unsicherheiten hartnäckig entgegen, Anlass zur Sorge gibt es in ihrem Leben dennoch genug. Da ist ihr ältester Sohn Ryckmer, der zu viel Alkohol trinkt. Sein Kapitänspatent hat er längst verwirkt, nun muss er als einfacher Decksmann auf einer Fähre schuften.

Gewachsene, sturmerprobte Strukturen

Besser getroffen haben es da scheinbar seine beiden Geschwister. Der jüngere Bruder Hendrik montiert Skulpturen aus Treibgut und kann von seinen „Inselkunstwerken“ gut leben. Schwester Eske dagegen ist Altenpflegerin, mit viel Empathie sorgt sie sich um das Wohl und Wehe der ihr anvertrauten Menschen. Insoweit könnte Mutter Hanne zufrieden sein, doch sie ist weit davon entfernt, der zeitweiligen Ruhe auf der Insel zu vertrauen. Zu viele Probleme treiben sie um, dazu gehört die schwierige Ehe mit ihrem Ehemann Jens, einem pensionierten Kapitän.

Aus allem, was ihr wichtig war, hat er sich zurückgezogen. Was hat es zu bedeuten, wenn er sie neuerdings wieder häufiger mit seinen Besuchen beehrt? In „Zur See“ geht es um die gewachsenen, sturmerprobten Strukturen einer Inselgemeinschaft – aber auch die Gäste des Eilands spielen eine große Rolle dabei. Vor allem im Sommer werden die Strände der Insel seit Jahrzehnten von Touristen geflutet. Das bringt Geld in die Kasse, es bringt aber auch Probleme, vor denen man die Augen schwer verschließen kann. „Ich will den Tourismus nicht verdammen. Für die Insulaner ist es eineArt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf der anderen Seite bedrohen die vielen Gäste auch die Identität der Insel und ihrer Menschen,“ sagt Dörte Hansen dazu.

Viel Zeit zum Schreiben benötigt

Welcher Figur auch immer man als Leser des Romans, von Hansens bildhafter Sprache grandios geführt, begegnet, sie wird ein Unikat sein. „Ich mag alle meine Figuren, wenn auch nicht alle gleichermaßen“, erklärt die Autorin auf eine Frage aus dem Publikum. Auch nach zwei Erfolgstiteln ist sie ihrer sympathischen und bescheidenen Art treu geblieben. Unumwunden gibt sie zu, dass sie viel Zeit braucht zum Schreiben: Vier Jahre sind es diesmal gewesen, die seit dem Vorgänger, der „Mittagsstunde“, vergangen sind. Gleichgültig, wie lange es dauert, ihre Leser werden auch ihrem nächsten Buch entgegenfiebern.
Die Wesensart der Menschen im Norden in Worte zu verpacken, diese Kunst beherrscht Dörte Hansen eben perfekt.

Von Elke Schneefuß

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