Dienstag , 6. Dezember 2022
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Beate Weidenhammer verkörpert gekonnt die Antiheldin Hedda Gabler, die blasiert, manipulativ, klug und zynisch ist.
Beate Weidenhammer verkörpert gekonnt die Antiheldin Hedda Gabler, die blasiert, manipulativ, klug und zynisch ist. (Foto: t&w)

„Hedda Gabler“: Menschliche Abgründe ohne Ende

Der Theatertext von "Hedda Gabler" stammt zwar von 1890, er ist aber im Grunde genommen immer noch ein perfektes Abbild unserer Gesellschaft. Es geht um Existenznöte und Sinnsuche, um Macht und Freiheit. Das Schauspiel des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen feierte am Sonnabend im Theater Lüneburg Premiere.

Lüneburg. „Bang Bang“. Der Schuss, mit dem Hedda Gabler ihrem Leben ein Ende setzen wird, ertönt gleich am Anfang. Als Musik. Die Soundarrangements von Vasko Damjanov schaffen auf Anhieb eine starke Atmosphäre im großen Saal des Theaters Lüneburg. Am Sonnabend feierte dort „Hedda Gabler“ Premiere – ein Stück über Existenznöte und Sinnsuche, über Macht und Freiheit.

Eine spannende und moderne Inszenierung

Auch wenn der Stoff des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen durchaus beklemmend ist, schafft Regisseur Daniel Kunze (Jahrgang 1988) eine spannende, moderne und innovative Inszenierung, die existenzielle Fragen nach dem Sinn unseres Daseins aufwirft. 95 Minuten lang baut er choreographierte Szenen, direkte Publikumsansprache und eingefrorene Bilder in die Handlung ein – pausen- und atemlos. Der Theatertext von Ibsen stammt zwar von 1890, er ist aber im Grunde genommen immer noch ein perfektes Abbild unserer Gesellschaft. Es geht nämlich auch um eine mögliche Sinnkrise. Was stellt unsere Gesellschaft an Lebenssinn zur Verfügung außer Konsum und Karriere?

Wenn die Hausfrau an Langeweile stirbt

Hedda Gabler langweilt sich unbeschreiblich. Die Hochzeitsreise mit dem drögen Jørgen Tesman ist endlich vorbei, doch der Alltag verspricht kaum Besserung. Sie heiratete den Wissenschaftler nicht, weil sie ihn liebte, sondern weil sie sich ein angenehmes Leben erhoffte. Schwung ins Leben bringt der geniale Wissenschaftler Ejlert Løvborg, mit dem sie früher eine Beziehung hatte. Er ist zurück in der Stadt und droht die wissenschaftliche Karriere Tesmans zu gefährden, was Hedda unbedingt verhindern will.

Weder Regisseur Kunze noch Hauptdarstellerin Beate Weidenhammer bemühen sich darum, Hedda dem Publikum in ihrer langweiligen Trägheit sympathisch erscheinen zu lassen. Sie provoziert, sie spielt mit den Pistolen, mit den Menschen, mit dem Leben. Weidenhammer verkörpert gekonnt diese Antiheldin, die blasiert ist, manipulativ, klug und zynisch. Sie ist sehr präsent und überzeugt in ihrer verzweifelten Boshaftigkeit, gefangen in einem bürgerlichen Leben, das sie bereit ist zu zerstören. Ihr Körper ist stets unter Spannung, ihr Blick starr. Erst wenn sie andere Menschen manipulieren kann, entspannt sie.

Hedda hat einen Wunsch für die Zukunft

„Einmal in meinem Leben will ich Macht besitzen über das Schicksal eines anderen Menschen“ ist Heddas einziger formulierter Wunsch für die Zukunft. Am Ende gelingt ihr das: Sie zerstört die Karriere ihres ehemaligen Geliebten Ejlert Løvborg, gespielt von Niklas Schmidt. Alkoholexzesse brachten ihn nah an den Abgrund. Løvborg ist eine tickende Zeitbombe, und Niklas Schmidt verkörpert diese Rolle so überzeugend, dass sein verzweifelter Weg zurück in die Alkoholsucht die Zuschauer tief ins Mark trifft. Elisa Reining überzeugt in ihrer Rolle als unbescholtene, herzensgute Begleiterin Thea Elvstedt, dank derer Unterstützung Løvborg sich wieder auf die Arbeit konzentrieren konnte. Sein erstes Buch war ein Riesenerfolg, das Manuskript seines zweiten innovativen Werks ist fertig – ohne Thea hätte er es sehr wahrscheinlich nie geschafft. Das ist ihm bewusst. Aber dann verliert er sein Manuskript in einer rauschhaften Nacht. Es landet in Heddas Händen, die es in der Folge zerstört.

Menschliche Abgründe ohne Ende

Jan-Philip Walter Heinzel als aufstrebender Historiker und unglückseliger Tesman verkörpert grandios diesen fantasielosen Ordnungsmenschen. Um Hedda ein luxuriöses Leben zu ermöglichen, hat er sich Geld vom Richter Brack geliehen. Dieser nutzt die chaotische Konstellation für seine nicht gerade lauteren Absichten aus: Brack setzt Hedda unter Druck, bietet ihr seine Freundschaft an – in einer Art Dreiecksbeziehung. Matthias Herrmann spielt diese heuchlerische Rolle mit einer überzeugenden Leichtigkeit.

Von der Villa, die sich Tesman und Hedda eigentlich nicht leisten können, lässt Bühnen- und Kostümbildnerin Cornelia Brey nur einen leeren Raum mit einem kleinen Treppenaufgang sehen. Allein ein weißer Sessel steht dort – schlicht, aber bestimmt teuer. Die grelle Lichtwand im Hintergrund betont die Figuren – jeweils eine Farbe für die fünf Protagonisten: Türkis für Richter Brink, Himbeerrot für Thea Elvstedt, Gelb für Jørgen Tesman, Rot für Ejlert Løvborg und ausgerechnet Weiß – die Farbe der Unschuld – für Hedda Gabler. Brey, die in Lüneburg zuletzt „Die Opferung von Gorge Mastromas“ ausstattete, setzt auf Papier als Material für diese Inszenierung. Die Wände bestehen aus hauchdünnen Folien. Der Raum wird dominiert von A4-Blättern – am Anfang noch fein in Stapeln auf dem Boden geordnet. Am Ende herrscht auf der Bühne – so wie im Heddas Leben – das Chaos.

„Endlich eine Tat!“

Als Hedda hört, dass sich ihr Geliebter erschossen hat – dem sie, nebenbei notiert, die Pistole selbst in die Hand gedrückt hat –, da ruft sie ihren Dank zum Himmel: „Endlich eine Tat!“ Frostklirrend serviert Weidenhammer als Hedda ihre Sätze. Danach gibt es für sie dann auch nichts mehr zu tun, als sich das Leben zu nehmen. „Bang Bang“ – die Musik bleibt auch nach der Aufführung im Kopf. Beklemmend und intensiv.

Von Elena Gulli

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