Dienstag , 6. Dezember 2022
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Joe Bausch, Arzt, Autor und Schauspieler ist auch ein faszinierender Erzähler.
Joe Bausch, Arzt, Autor und Schauspieler ist auch ein faszinierender Erzähler. (Foto: t&w)

Joe Bausch begeistert beim Krimifestival

Zum dritten Mal liest True-Crime-Experte Joe Bausch beim Lüneburger Krimifestival. „Maxima Culpa. Jedes Verbrechen beginnt im Kopf“ heißt sein aktuelles Buch, in dem der langjährige Gefängnisarzt und „Tatort“-Rechtsmediziner unter anderem die Geschichte einer „Eislady“ aufrollt. Er packt das Publikum mit spannenden Erzählungen aus seiner langen Erfahrung mit Kriminellen und anderen Menschen.

Lüneburg. „Ich habe heute keinen Bock etwas vorzulesen,“ sagt er nach über zwei Stunden grinsend und lakonisch. Da war die Sache natürlich längst klar für das Publikum im ausverkauften Kunstsaal. Ein Lacher geht durch den Raum. Trotzdem ist der Mann bestens in Fahrt. Warum schreibt er überhaupt? „Ich hätte auch eine Platte besingen können, dafür ist meine Stimme aber wohl unpassend.“ Er fällt als gern gesehener Talk-Show-Gast auf und tritt dort als Experte für besonders schwere Delikte in Erscheinung.

Der ehemalige Regierungsmedizinaldirektor wirkte etliche Jahre an der Justizvollzugsanstalt Werl, kennt sich aus mit schwersten Kalibern. Zugleich erwarb sich Joe Bausch einige Prominenz als Schauspieler, unter anderem im Kölner „Tatort“ in der Rolle des Rechtsmediziners Joseph Roth. Er hat eigene Sendungen, produziert Podcasts und destilliert seine umfangreichen Erfahrungen im Buchformat. Mit „Maxima Culpa“ (Ullstein-Verlag) erschien jüngst seine dritte Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik. Damit passte er auf jeden Fall hervorragend ins Portfolio des 13. Lüneburger Krimifestivals.

Er verzichtete auf Lektüre

Bei seinem Lüneburger Auftritt verzichtete er also auf Lektüre, ein paar Zeilen las er dennoch, um den Beweis seiner Lesefähigkeit zu erbringen, wie er süffisant konstatierte. Statt dessen erzählte er, über seine Erlebnisse im Knast, Gespräche mit Inhaftierten, tiefgründigen Analysen, die literarischen Reflexionen in seinen bisherigen Bestsellern (unter anderem „Gangsterblues“) und Impressionen auf der Bühne oder im Film: „Mit meinem Gesicht durfte ich fast immer nur Bestien spielen.“ Vor allem Psychopathen, mit denen er es immer wieder intensiv als Gefängnisarzt zu tun hatte. Das alles mischt sich bei ihm und wird überstrahlt von grenzenlosem Humor. Oft, so weiß er, erscheint das Böse äußerst banal und nähert sich Hannah Ahrendt an. Hinter der Fratze des übelsten Verbrechens lauern gar nicht selten biedere Ehemänner und treusorgende Väter.

Seine Methoden waren manchmal eher unorthodox

Bausch kennt sich aus, geht mit dem Seziermesser der kriminellen Sache auf den Grund, nennt Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Tätern. Erstere gibt es deutlich seltener, außerdem agieren sie „erheblich cleverer und meistens wollen sie bei einem Mord den Mann für immer loswerden“, derweil die Herren eher aus Angst vor Verlust ihre Gemahlin oder Freundin liquidieren. All das berichtet der 69-Jährige mit launigsten Worten und legt über die abscheulichsten Fantasien ein sanftes Lächeln, ohne das Brutale dabei zu entlasten. Im Gegenteil. Seine Urteile über das erforderliche Strafmaß gehen im Einzelfall über die Realität hinaus, obwohl er sich mit Nachdruck für eine Humanisierung des Vollzugs einsetzte und seine Methoden manchmal eher unorthodox waren.

Gebannt, schaudernd und amüsiert zugleich

Er führt sein Publikum entsprechend leichtfüßig zu den traurigsten Orten und in finsterste Seelenschlünde, zu skurrilsten Charakteren und abscheulichsten Entgleisungen. Gibt es quasi ein genetisches Muster, um hinter Gittern zu landen? Joe Bausch hat seine Zweifel an dieser Theorie. Irgendwie kann es vermutlich jeden erwischen. Es kommt auf die individuelle Konstellation an. „Fast immer steht vor der ersten Tat die Erfahrung eines persönlichen Scheiterns und häufig gehört eine Neigung zur Selbstüberschätzung dazu.“ Was bedeutet: Jede weitere Erklärung stolpert rasch in fragwürdige Spekulationen.

Der Autor nimmt seine Leser und Zuhörer mit in diese Verließe des Grauens, bezeichnet seine fiktionalen und dennoch auf Tatsachen beruhenden Geschichten in „Maxima Culpa“ zum Beispiel nüchtern als „Der trockene Tod“, „Blutschwestern“ oder „Toxische Männer.“ Was hier im lockeren Plauderton daherkam, erwies sich bei näherer Betrachtung als eingehender Kurs ins Schattenreich der Schwerstkriminalität. Die Besucher hörten gebannt, schaudernd und amüsiert zugleich, den kompetenten Ausführenden des Gastes zu: Ein hoch spannender, aufschlussreicher, enorm unterhaltsamer Abend.

Von Heinz-Jürgen Rickert

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