Montag , 5. Dezember 2022
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Martin Walker.
Martin Walker bot im Castanea einen vergnüglichen Lünebuch-Krimifestival-Abend. (Foto: be)

Martin Walker zu Gast beim Krimifestival

Als Journalist bereiste Martin Walker die Welt. Sein Herz aber verlor der Schotte an die Provence. Dort schreibt er seit 2008 Jahr um Jahr einen kulinarischen und touristisch wertvollen Krimi rund um den Polizisten Bruno. Der 14. Fall führte Walker und seine deutsche Stimme Sebastian Dunkelberg zum Lünebuch-Krimifestival ins Castanea Adendorf – zu einem Vergnügen samt Maronen, Rotwein und Gesang.

Adendorf. Die touristisch wertvollsten Krimihelden heißen Brunetti und Bruno. Brunetti löst seit 31 Fällen Lust auf Venedig aus. Dafür sorgt die in den USA geborene Donna Leon. Bruno dagegen, um den es an diesem Abend geht, lebt, liebt, kocht und löst den Fall im Perigord, in einem Provinzidyll voller Trüffeln, Wein und Mord. Schuld hat der Schotte Martin Walker. 2008 brachte der lange weltweit tätige Journalist Bruno zur Welt. Bruno ist Polizist, gefühlt Mitte 40, Chef de Police in Saint-Denis, und nun 14 Fälle alt. Zum „Tête-à-Tête“ kamen Walker und seine „deutsche Stimme“ Sebastian Dunkelberg ins Castanea Adendorf. Was für ein vergnüglicher Lünebuch-Krimifestival-Abend – mit Totenschädel, Maronencreme und sogar Jacques Brel!

Der Mordfall ist längst nicht mehr das wichtigste in den Bruno-Krimis. Der Schotte Martin Walker schreibt touristisch wertvolle Krimis. Die Landschaft, lauschige Städtchen, trutzige Burgen, Menschen mit Sinn für Genuss, Kochen und Trinken füllen die Kapitel. Dass Martin Walker die Provinz, in der er um die fünf Monate im Jahr wohnt, liebt, ist aus jeder Zeile zu lesen. Fall 14 ist erscheinen, Fall 15 fertig, an Fall 16 schreibt Walker. „Es ist keine Arbeit“, sagt Walker, „es ist Vergnügen.“

Walker, ein studierter Historiker

Der Autor, mittlerweile Mitte 70, baut in „Tête-à-Tête“ mehr denn je Exkurse ein. Er lässt spintisieren, inwieweit Brunos potenter Bassett namens Balzac eine Dynastie begründen könnte. Verfahren über das Rekonstruieren von Gesichtern in der Kriminalistik werden erörtert. Wie immer flicht der studierte Historiker Walker einen Strang politische Geschichte ein, diesmal führt der Weg zur Stasi. Am wichtigsten aber: Natürlich kocht Bruno ausgiebig – diesmal auch vegan. Es wird also viel aufgetischt bei diesem Tête-à-Tête der Leserinnen und Leser mit ihrem Bruno. Der eigentliche Fall um eine vor 30 Jahren entdeckte, nie identifizierte Leiche, deren Schädel blieb, gerät dabei öfter mal aus dem Blick. Bruno muss ja auch noch eine geniale Idee aus dem Kopf zaubern, um einen wütenden Waldbrand zu löschen.

Walker verleitet sich auch auf Lesungen gern zu Exkursen, er ist ein pointensicherer Entertainer. Dass ihm ein Glas Rotwein gegen Lampenfieber bei Lesungen hilft, sagt er; da kommt bei rund 700 Lesungen bisher im deutschsprachigen Raum einiges zusammen. Dass er sein Deutsch vor allem bei Kurt Weill – „Surabaya Johnny“, „Mackie Messer“ – gelernt habe, erzählt er, und auch bei den Toten Hosen, was garantiert nicht stimmt, aber an Abenden wie diesem als Gag gut geht.

Zwischen den Stücken gibt es ein Dinner

Neben Walker, der vor zehn Jahren schon einmal Krimifestival-Gast war, sitzt Sebastian Dunkelberg, Schauspieler und Hörbuchsprecher. Er fängt Walker geschickt ein. Sie lesen abwechselnd, Dunkelberg zurückhaltend pointiert, Walker geradezu halbszenisch. Sie plaudern ein wenig – und halten die Zeiten ein, denn zwischen den Krimistücken gibt es ja ein französisch inspiriertes Dinner. Nicht nach einem Rezept des Schotten Martin für den Franzosen Bruno; der Koch des Abends heißt Massimo. Er kann’s auch…

Martin Walker lässt sich für seine Geschichten von seiner Umgebung inspirieren. Der Spielort Saint-Denis heißt im wahren Leben Le Bugue, ein 2500 Einwohner-Städtchen, in dem Walker Haus, Hühner und Garten pflegt – und einen Bassett namens Balzac. Der James-Bond-artig perfekte, unalterbare Bruno Courrèges ist dem real existierenden Gendarmen Pierrot Simonet nachempfunden. Für alle männliche Figuren habe er direkte Vorbilder, sagt Walker, für Frauen nicht – „Frauen sind mysteriös“. Das mag allemal für Bruno gelten, der gern Kinder hätte, wie Walker sagt, aber seine Affären mit Pamela oder Iabelle kommen nicht voran.

Der Abend spitzt sich zu: Walker reckt noch sein preisgekröntes Bruno-Kochbuch empor, geschrieben mit seiner Frau an, und schließlich geht er nach zwei und einer halben Stunde durch den Saal und singt perfekt Jacques Brels „Chanson de vieux amants“, ein Lied über das Altern und Lieben. Soviel Melancholie darf sein. Langer Beifall im ausverkauften Saal dankt Walker, Dunkelberg und allen, die den Abend gestalteten.

Das Lünebuch-Krimifestival geht am 1. November weiter um 20 Uhr mit Dror Mishanis „Vertrauen“ im Gesellschaftshaus der PKL; mit dabei sind Antje Deistler und Julian Horeyseck.

Von Hans-Martin Koch

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