Montag , 5. Dezember 2022
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Dror Mishani spricht über seine Arbeit.
Dror Mishani spricht über seine Arbeit. (Foto: be)

Dror Mishani: Erster Autor aus Israel beim Krimifestival

Mit dem Schriftsteller Dror Mishani aus Tel Aviv war erstmals ein israelischer Autor beim Lüneburger Krimifestival zu Gast. Der Literaturprofessor lehrt Kriminalliteratur und schreibt Krimis, deren Handlung in Israel spielt. Es war eine außergewöhnliche Lesung, schreibt unsere Autorin Antje Amoneit.

Lüneburg. Schon der Weg durch den stockdunklen Park ist etwas gruselig. Schließlich geht man ja zu einer Krimilesung. Die Spannung steigt spätestens, wenn das vor dem Eingang des Gesellschaftshauses der Psychiatrischen Klinik wartende, mit der Aufschrift „Fluchtauto“ gekennzeichnete Fahrzeug von Lünebuch in Sicht ist. Solche Einstimmung auf Stars der Krimi-Szene gefällt auch jedes Jahr wieder Krimifestival-Initiator und -Veranstalter Jan Orthey besonders gut, wie er anlässlich der in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlichen Lesung von Dror Mishani bekannte. Orthey hieß mit dem Schriftsteller aus Tel Aviv erstmals einen israelischen Autor beim Krimifestival willkommen, einen Literaturprofessor, der Kriminalliteratur lehrt und ausgerechnet auch noch Krimis schreibt, deren Handlung in Israel spielt.

In Israel sind Krimis nicht so verbreitet

Ausgerechnet, weil in Israel Krimis nicht so verbreitet sind wie hier. Das Genre habe es schwer, man traue ihm dort kaum gesellschaftlich relevante Themen zu. Die Geschichte Israels sei ernst. Auch Science Fiction sei dort nicht beliebt. Man sei insbesondere nicht an Verbrechen aus dem Inland interessiert, erklärte Mishani, der im Gespräch mit Moderatorin Antje Deistler humorvoll und nuancenreich von seiner Arbeit und seinem neuesten Krimi erzählte.

Erst am Ende der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts sei der erste israelische Krimi erschienen, in dem bereits die Bedrohung, ein Mord, nicht von innen, sondern von außen gekommen sei: Der Täter war ein Meteor.

Gesellschaft, Religion und Geheimdienste

Doch in seinen Krimis, so Mishani, sei dies anders. Auch im jüngsten Buch, betitelt „Vertrauen“, original hebräisch „Emuna“, was soviel wie Glaubensstärke oder „innere Klarheit“ bedeutet: In der übersichtlichen Stadt des Roman-Ermittlers Avi Avraham, dem 150.000 Einwohner zählenden Wohnort Mishanis namens Cholon bei Tel Aviv, geschehen fiktive Verbrechen auch unter den Einheimischen.

Diese Verbrechen beschreibt Dror Mishani nicht nach Art eines Action-Thrillers, sondern verweilt im Gegenteil bei den Ursachen für Handlungen und Perspektiven seiner Charaktere, die von Buch zu Buch erneut und immer komplexer erscheinen. In „Vertrauen“ gehen sie jeweils unterschiedlich mit „Emuna“ um.

Dror Mishanis nachdenklicher „slow detective“

Oberinspektor Avi Avraham, Mishanis nachdenklicher „slow detective“, bleibt diesmal nicht in Tel Aviv und Umgebung, sondern Mishani erweitert dessen Tätigkeitsfeld, führt ihn nach Paris, wo er unter anderem über Maigret oder Wallander sinniert. Das Krimigenre an sich wird reflektiert, es geht auch um Gesellschaftliches, Religiöses und Geheimdienstliches, um tiefgehende Gefühle und um größere Verbrechen als zuvor.

Langsam und in ausgesuchter Sprache entwickeln sich die Handlungsstränge und erfahren überraschende Wendungen. Besonders zwei schälen sich heraus: Ein Kind wird ausgesetzt, ein Tourist verschwindet. Erst spät klärt sich auf, ob und wie beide Geschehnisse zusammenhängen.

Mit viel Einfühlungsvermögen und Sinn fürs Nachdenkliche, Eigenwillige, auch Dramatische, das in scheinbar durchschnittlichen Gedanken steckt, las Schauspieler und Hörbuchsprecher Julian Horeyseck Textstellen aus „Vertrauen“ und machte damit insbesondere zwei der Hauptfiguren und deren jeweilige Situation und Perspektive lebendig. Nicht zuletzt offenbarte er den empfindsamen Stil des Autors, der ergänzend einige Zeilen aus der hebräischen Originalausgabe vortrug.

Eine begeistert aufgenommene Lesung

Nach der 2005 verstorbenen israelischen Autorin Batya Gur, die als erste israelische Krimischreiberin bekannt wurde, ebenfalls Literatur lehrte und das literarische Krimigenre international bereicherte, ist Dror Mishani der erste, der wieder Krimis veröffentlicht, die in andere Sprachen übersetzt und demnächst auch verfilmt werden und deren ProtagonistInnen in Israel verortet sind. Die von den Besuchern begeistert aufgenommene Lesung machte es offensichtlich: Mishanis literarische Krimireihe, deren nächste Story schon in Arbeit ist und trotz Avi Avrahams aktueller Bestrebungen nach Höherem und prestigeträchtigeren Fällen wieder in Cholon spielen wird, enthält weit mehr als scheinbar polizeialltägliche Gewalttaten in israelischer Provinz. Lesen!

Von Antje Amoneit

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