Sonntag , 4. Dezember 2022
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Chris Carter
Chris Carter: Ein Mann mit bunter Vergangenheit und ebensolchem Outfit. (Foto: be)

Chris Carter: niemals in der Küche streiten

Mit 19 Jahren trat Chris Carter eine Stelle als Kriminalpsychologe an. Sechs Jahre später startete er eine Karriere als Rockgitarrist. In seinem dritten Leben erfand sich Carter als Thriller-Autor neu. Beim Lüneburger Krimifestivals sorgte er mit Wanja Mues und Moderatorin Henrike Tönnes für ein so spannendes wie unterhaltsames Finale.

Lüneburg. Da sitzt der Fleisch gewordene „Pageturner“ auf der Bühne. Sieht aus wie ein Rockstar, war ja auch mal einer. Davor noch, da zählte er gerade mal 19 Jahre, hatte Chris Carter forensische Psychologie studiert und startete eine Karriere als Kriminalpsychologe in Sachen Mord.

Gitarrist von Björk und Michael Bolton

Der Mann trägt das Haar nachtschwarz und lang, Piercing, Tattoo und ein T-Shirt der schwedischen Death-Metal-Band The Unguided. Harter Typ, der Chris Carter – und ungemein sympathisch, wie er im Audi-Zentrum beim Finale des Lünebuch-Krimifestivals sprudelt, lacht und sagt: „I forgot the question“. Pageturner? Carter-Thriller liest man schneller, als man die Seiten umblättern kann. Fast jedenfalls.

Ein buntes Leben hat der 57-Jährige hinter sich. Als Sohn italienischer Einwanderer wurde er in Brasilien geboren. In den USA studierte er, von dort aus tourte er als Gitarrist für Shania Twaine, Tom Jones, Ricky Martin, Björk, Michael Bolton. Heute lebt Carter in London, trainiert früh im Gym, und spätestens ab 8.30 Uhr thrillert er sich ins Leben von Robert Hunter und Carlos Garcia.

Aktueller Fall besonders grausig

Sie sind Ermittler in den ganz harten, abgrundtief grausamen Fällen. Keine Mordserie aber war so dunkel und grausig wie die im aktuellen Fall „Blutige Stufen“. Der Thriller ist tatsächlich doppelt ein Pageturner. Bei der Beschreibung der Morde liegt schnelles Weiterblättern nah.

Dabei geht es der Täterin oder dem Täter nicht nur um die bis ins Detail geplanten fürchterlichen Morde, die in drei Stufen angelegt sind: Angst, Schmerz, Tod. Ziel der Taten ist vielmehr das Trauma, das die Taten bei denen auslösen, die dem Opfer am nächsten standen. Aber an den Punkt müssen Hunter und Garcia, in deren Figuren viel von Carter steckt, erstmal kommen.

Keine Morde an Kindern, keine Vergewaltigungen

Große Literatur ist das nicht. Carter erfüllt Erwartungen. Wie effektvoll er Spannung baut, macht der mit bestechendem Timing lesende Wanja Mues deutlich. Der Schrecken schleicht sich an und bricht brutal los. Es wird bei den Leseparts sehr, sehr leise im voll besetzten, zu rund 80 Prozent von Frauen besuchten Audi-Zentrum. Carter ist alles andere als zimperlich. Zwei Tabus aber hat er: keine Morde an Kindern, keine Geschichten um Vergewaltigungen.

Zwischen den Leseblöcken geht es ausgesprochen unterhaltsam zu. Moderatorin Henrike Tönnes plaudert und fragt, vergisst dabei, Carters strudelnden Gedankenstrom im Deutschen zusammenzufassen. Viel Witz aber bietet der Abend und Grundsätzliches übers Morden und Leben. „Streiten Sie nie in der Küche“, rät Carter.

Tote Katze sorgt für eine Lawine Zorn 

Da liegen eben viele Mordgeräte rum. Carter erklärt, dass Serienmörder spannend sind, weil sich hinter ihrem Handeln mehr verbirgt als eine Tat. Dass er selten Wut-Mails zu den ersonnenen Morden bekomme, aber eine Lawine Zorn, als er eine Katze sterben ließ.

Der interessanteste Punkt war Carters Trennung von Realität und Fiktion. Realität muss laut Carter keinen Sinn haben, Fiktion muss. Er erinnert an einen Fall aus seinem ersten Berufsleben: Ein Mann verfolgt aus Wut und Hass einen anderen in dessen Haus, tötet nicht nur den von ihm gesuchten Mann, sondern gleich mal alle, die im Haus leben. Im Thriller aber müsse dagegen eine Art von Logik das Handeln des Täters bestimmen, sonst laufe die Geschichte ins Leere.

Formal penibel, inhaltlich mit Platz für Zufall

100.000 Wörter hätten seine Thriller, bei „Blutige Stufen“ seien es 145 000, erzählt der formal eher penibel, inhaltlich mit Raum für Zufall schreibende Autor. Er wird weiter Fälle für Hunter und Garcia konstruieren. „Für einen weiteren Jobwechsel bin ich zu alt“, sagt der speedige Mann auf dem Podest und wirkt sehr zufrieden. Das Publikum ist es auch. Bleibt nur, dass Carter und Mues stritten, wer mit welchem Audi aus dem Saal fährt…

Der Carter-Abend setzte das Finale beim 13. Lüneburger Krimifestival. Lünebuch-Chef Jan Orthey dankt am Ende Sponsoren und Mitarbeitern, besonders Sylvia Anderle, die das Krimifestival vom Autorensuchen bis zu den Lesungen organisiert. 2800 Besucher kamen in diesem Jahr zum Festival. 2023 kommen sie alle wieder.

Von Hans-Martin Koch

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